Mehrwert und Melancholie

Zum neuen Band des Historisch-Kritischen Wörterbuchs des Marxismus

Von Maschinerie bis Mitbestimmung reicht der soeben ausgelieferte Band 9/I. Das grosse «Historisch-Kritische Wörterbuch des Marxismus» (HKWM) ist damit gut über die Hälfte hinaus gediehen. Der neuste Band führt mitten in zentrale Diskussionen aus der Geschichte des Marxismus. Etwa mit dem Stichwort Materialismus. Gemäss dem globalen Anspruch wird der Materialismus aufgefächert und in mehreren Beiträgen behandelt, vom altindischen über den geographischen und den neuen feministischen bis zum praktisch-dialektischen. Macht insgesamt vierzig Seiten dichter Erörterungen. Eingerahmt von weiteren Artikeln zu Stichwörtern wie Materialanalysen oder materialistische Bibellektüre. Dabei bewährt sich einmal mehr das grundsätzliche Verfahren, zuerst die Herkunft und Bedeutung innerhalb der marxistischen Tradition zu rekonstruieren und dann auf aktuelle Diskussionen und Probleme einzugehen.

Man kann in diesem grandiosen Wörterbuch auf mehrfache Weise lesen. Man kann sich gezielt und zweckgebunden auf einzelne Stichworte stürzen. Man mag müssig darin blättern und bei überraschenden Stichwörtern hängen bleiben. Denn der vorliegende Band handelt nicht nur über die Meinungsfreiheit, sondern ebenso über die Mätresse als soziale Bewegungsform, oder es wird versucht, eine linke Melancholie zu rekonstruieren. Man kann auch einzelnen AutorInnen folgen, etwa dem französischen Philosophen Etienne Balibar. Balibar, einst Mitstreiter von Louis Althusser, hat sich seit langem mit vielfältigen Publikationen und Aktivitäten zu Themen wie Nationalismus und Europa oder zu Grenzen und BürgerInnenrechten profiliert. Im neusten HKWM-Band schreibt er sowohl über Mehrwert als auch über Menschenrechte. Womit zugleich ein Spektrum des Wörterbuchs aufgespannt ist – ein genuiner marxistischer Begriff, und einer, mit dem man sich wenn nicht in der marxistischen Tradition, so doch in der kommunistischen Praxis eher schwer getan hat.

 

Mehrwert

Bleiben wir beim Stichwort Mehrwert und dem dazu gehörigen, oder darunter liegenden, der Mehrarbeit. Mehrwert, hält Balibar fest, ist zweifellos zentral für Marxens Kritik der politischen Ökonomie. Aber der erkenntnistheoretische Stellenwert ist durchaus schillernd. Einerseits gilt der Mehrwert als ein Bewegungsmotor der realen kapitalistischen Produktionsweise. Andererseits ist er ein durch Abstraktion gewonnenes Grundelement eines Strukturmodells, das in der konkreten Analyse nur sehr vermittelt brauchbar ist.

Marx beansprucht ja auf dem Hintergrund der Arbeitswertlehre, jenen Antrieb entdeckt zu haben, der den Kapitalismus zu einem ebenso produktiven wie zerstörerischen Wirtschaftssystem macht: Jenseits bürgerlicher Vorstellungen vom Geld produzierenden Geld oder vom Genie des Kapitalisten ist es die Arbeitskraft, die mehr Wert schafft – eben Mehrwert schafft –, als sie zu ihrer eigenen Reproduktion braucht. Damit wird, wie Balibar formuliert, «der Standpunkt des Kapitals durch den Standpunkt der Arbeit ersetzt und die Ausbeutung der Arbeitskraft als Quelle der Kapitalakkumulation sichtbar gemacht».[1] Als Gegengewicht zu flockigen Bekundungen zum Marx-Jubiläum über Marxens prophetische Kraft bezüglich der Globalisierung oder seine emphatische Kraft als Philosoph der Entfremdung habe ich kürzlich in der WOZ versucht, diese grundsätzliche Stossrichtung und weiterhin aktuelle Bedeutung von Marxens Kritik der politischen Ökonomie zu rekonstruieren.[2] Der in schamlos didaktischer Absicht und Form unternommene Versuch ist auf mässiges Interesse, ja gelindes Unverständnis gestossen. Denn es bleibt eine gedankliche Zumutung und eine praktische Herausforderung, dieses Erklärungsmodell in eine handlungsanleitende Analyse umzusetzen.

Etienne Balibars Beitrag im HKWM weist auf entsprechende Probleme hin. So stellt sich die Frage, wie Mehrwert überhaupt gemessen werden kann. Tauschwert als vergegenständlichte Arbeitskraft taucht im realen Marktgeschehen nur in der Form von Warenpreisen auf, die durch wechselnde Faktoren vom darin steckenden Wert abweichen. Eine Mehrwertberechnung kann nur durch die Preisform hindurch vorgenommen werden; Mehrwert wird in der bürgerlichen Ertragsrechnung entsprechend als Profit verbucht, womit, ideologisch willkommen, die Herkunft aus der Arbeit verschleiert wird. Zugleich muss der industrielle Kapitalist seinen Profit mit dem Grundeigentümer (via die Grundrente) und dem geldverleihenden Kapitalisten (via den Kapitalzins) teilen. Der ökonomische Mechanismus, wonach nur die Arbeitskraft Wert (und Mehrwert) erzeugt, wird durch politische Machtverhältnisse überlagert. Das Kapital mag ökonomisch gesehen keinen Tauschwert schaffen, doch in der kapitalistischen Produktionsweise kommt ihm die funktionale Macht zu, sich Wert anzueignen, als ob es diesen geschaffen hätte.

Damit stellen sich weit reichende Fragen, welche Arbeit denn überhaupt wertschöpfend im kapitalistischen Sinn sei? Produzieren Händler oder Bankerinnen auch Tauschwert, oder verteilen sie bloss die anderswo geschaffenen Werte? Wie sieht es mit den Dienstleistungen aus, die mittlerweile zwei Drittel moderner Wirtschaften ausmachen?

 

Schafft eine App neue Werte?

Angesichts solcher Schwierigkeiten wird der Begriff des Mehrwerts samt Arbeitswertlehre öfters auch von linker Seite aus ignoriert oder sogar abgelehnt. Aber er scheint mir nach wie vor sinnvoll, weil er ein Motiv und einen Antrieb für die herrschende Produktionsweise bezeichnet. Insofern bleibt er forschungsanleitend. Mit den bei der konkreten Analyse erwachsenden Problemen hat sich Marx immer detailliert und differenziert herumgeschlagen. Zwei Artikel zum Stichwort Mehrarbeit im HKWM vertiefen die entsprechende Thematik. Mehrwert ist ja der wertmässige Ausdruck der Mehrarbeit, das heisst jener Arbeit, die abgeliefert wird, nachdem die zur Reproduktion der Arbeitskraft «notwendige Arbeit» geleistet worden ist. Das Verhältnis von notwendiger Arbeit und überschüssiger Mehrarbeit ist – neben der Höhe des Lohns – offensichtlich vom Stand der Produktionskräfte abhängig. Dazu zählen auch immaterielle Elemente wie die Organisation der Produktionsprozesse. Marx hat zum Beispiel bereits das zu seinen Lebzeiten sich stark entwickelnde Kreditwesen analysiert. Die neuen Technologien, Digitalisierung und Finanzialisierung, stellen solche Fragen nochmals verschärft.

Schafft zum Beispiel die Entwicklung einer App Tauschwerte im marxschen Sinn? Es gibt linke Versuche, die Wertschöpfung im Internet zu bestimmen. So ist der Begriff der Informationsrente geprägt worden,[3] parallel zur marxschen Grund- oder Bodenrente – das ist die Rente, die jemand erhält, der Boden besitzt, ohne ihn direkt zu bearbeiten (wie Bauern oder das Landproletariat) oder organisatorische Funktionen wahrzunehmen (wie Pächter oder Aufseher), also als reine Abgeltung für den Besitz. Bodenrente wird nach marxschem Verständnis aufgrund einer politischen Machtkonstellation gesellschaftlich vom Lohn und/oder vom Profit abgezogen (somit zumeist wieder vom Lohn). Gemäss dem analytischen Ansatz der Informationsrente würden zum Beispiel Internetfirmen – also nicht Apple mit seiner Hard- und Software, sondern Facebook, das eine einmal geschaffene Infrastruktur mit geringem arbeitstechnischen Aufwand zur Verfügung stellt – sich durch ihre Marktmacht einen Anteil am gesamtgesellschaftlichen Profit aneignen können, obwohl sie keinen Wert im ökonomischen Sinn produzieren.

Klar ist zudem, dass der Profit durch die Finanzialisierung der Wirtschaft immer mehr verschachtelt, verschoben und verteilt wird. Auch dem Alltagsverstand leuchtet ein, dass ein Hedge Fund keinerlei Wert schafft, sondern sich nur den Profit anderer Wirtschaftssektoren aneignet. In letzter Zeit hat vor allem Thomas Piketty empirisch gezeigt, wie die obszönen Profite des Finanzsektors auf Kosten der anderen Wirtschaftsbereiche gehen.[4] Auch die – nicht unproblematische – Entgegensetzung von Finanz- und realer Wirtschaft reagiert intuitiv auf dieses Problem.

 

Was ist produktiv?

Neben Positionen, welche die Berechenbarkeit des Mehrwerts und damit dessen Brauchbarkeit als Kategorie gleichsam von innen bezweifeln, wird er auch von aussen bestritten, da er nur einen Ausschnitt der Gesamtwirtschaft berücksichtige. Marx hat die mehrarbeitsfähige Arbeit – vom kapitalistischen Standpunkt her – als die einzig «produktive» Arbeit bezeichnet. Bereits Rosa Luxemburg hat allerdings darauf hingewiesen, dass die kapitalistische Ausbeutung von der Unterwerfung nicht-kapitalistischer Bereiche lebt. Das erschwert die praktische Berechnung von Mehrwert und Ausbeutungsraten weiter, hat aber eine neue Dynamik der Analyse eröffnet. Tatsächlich ist die Unterwerfung aller nicht-kapitalistischer Sektoren unter die kapitalistische Verwertungslogik gegenwärtig das grösste Reservoir für die Mehrwertproduktion.

Insbesondere von feministischer Seite wurde und wird, zum Teil in Anknüpfung an Rosa Luxemburg, kritisiert, dass Marx mit dem Begriff der produktiven Arbeit den kapitalistisch/antikapitalistischen Standpunkt zuweilen verwische und damit die «unproduktive» Arbeit, etwa die Hausarbeit, zumindest vernachlässige. Das trifft auf theoretischer Ebene nicht zu. Aber bei der konkreten Analyse des Kapitalismus gerät die Hausarbeit – obwohl oder weil sie als Teil der Reproduktionskosten der Arbeitskraft berücksichtigt wird – zuweilen als Mechanismus der Aufrechterhaltung eben dieser Produktionsweise aus dem Blick. So hat etwa die in den USA lebende italienische Ökonomin Silvia Federici kürzlich die Kritik erneuert, Marx habe die spezifisch kapitalistische Form der Reproduktionsarbeit nicht erkannt, die weit über materielle Aspekte hinausgehe und auch die sexuelle Reproduktion einschliesse.[5] Die bereits in den 1970er-Jahren erhobene Forderung, Lohn für Hausarbeit auszuzahlen, sei hoch aktuell und «würde auf eine Verschiebung sozialer Prioritäten hinauslaufen». Dagegen merkt Frigga Haug in einem diese Debatte rekapitulierenden Beitrag im HKWM kritisch an, mit dieser Forderung werde gerade die Ökonomisierung der kapitalistischen Produktionsweise übernommen. Dagegen gelte es, «die notwendige Arbeit auf alle humanen Bereiche menschlichen Lebens»[6] voranzutreiben. Sie hat mit der so genannten «Vier-in-einem-Perspektive» einen Vorschlag als «konkrete Utopie» gemacht: In einem Arbeitstag von sechzehn Stunden sollen die vier Dimensionen des menschlichen Lebens jeweils angemessen und gleichwertig berücksichtigt werden – Erwerbsarbeit, Reproduktion, eigene Entwicklung in Musse und Kultur, sowie Politik als demokratische Organisierung des kommunalen Zusammenhalts.[7]

 

Absurd aufwendig, aber notwendig

An diesem Beispiel zeigt sich, dass das «Historisch-Kritische Wörterbuch des Marxismus» nicht nur historisch-kritisch vorgeht, sondern sich – im Rahmen und trotz seiner langwierigen Produktion – auf dem Höhepunkt aktueller Diskussionen befindet. Dabei ist es seinerseits Teil der Geschichte des Marxismus. 1983 als Übersetzung des ungleich knapperen französischen «Kritischen Wörterbuchs des Marxismus» gestartet, ist das HKWM seit 1990 zu einem ambitiösen, riesenhaften Unterfangen geworden. Seit dem ersten Band von 1994 sind Anspruch und Zahl der Stichwörter ständig gestiegen. Nach 25-jähriger Arbeit füllen die bislang erschienenen neuneinhalb Bände (in zwölf Büchern) mit jeweils zwei grossformatigen Textspalten pro Seite insgesamt über 12’000 Textspalten. Mittlerweile kann sich das Wörterbuch im Untertitel der Mitwirkung von über 800 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus allen Kontinenten rühmen. Als Trägerin fungiert das unabhängige Berliner Institut für kritische Theorie (Inkrit), das lose mit andern Stiftungen verbunden ist und jährlich internationale Konferenzen durchführt und eine eigene Buchreihe pflegt.

Vor ein paar Jahren habe auch ich einmal einen Beitrag fürs HKWM geschrieben, zum Stichwort Kriminalromane, das zwischen «Krieg und Frieden» und «Krise» platziert ist.[8] Der Produktionsvorgang ist unvergleichlich. Gemäss detaillierten Vorgaben legt man einen Entwurf vor, der ein erstes Mal kommentiert wird. Die entsprechend überarbeitete zweite Version wird dann in den jährlichen Werkstätten von zehn bis fünfzig Interessierten diskutiert. Da kann die Kritik durchaus harsch ausfallen. Gelegentlich wurden Artikel nach der Diskussion zurückgezogen, und es brauchte etlichen diplomatischen Aufwand, um die AutorInnen bei der Sache zu halten. Die nach der Diskussion überarbeitete dritte Version wird erneut kommentiert, und dann wird womöglich die vierte Version genehmigt. Es ist ein absurd aufwendiges Verfahren, ausbeuterisch und mehrwerterzeugend. Denn plötzlich stellt sich dieses betörende Gefühl ein, wenn das gemeinsame Nachdenken und Verbessern neue Qualitäten hervorbringt.

Der Abschluss des Wörterbuchs ist mehrfach verschoben worden und gegenwärtig nicht abzusehen. Natürlich ist ein solches Unterfangen ständig bedroht, vom Geldmangel, vom abnehmenden Interesse, von der zerrinnenden Zeit. Die beiden HauptinitiatorInnen und treibenden Kräfte, Frigga und Wolfgang Fritz Haug, sind weiterhin unermüdlich tätig, haben aber beide die Schwelle ins neunte Lebensjahrzehnt überschritten. Das HKWM braucht neue MitarbeiterInnen, und es braucht mehr AbonnentInnen und LeserInnen. Denn es muss weitergehen. Es ist ein unverzichtbares Projekt der intellektuellen Menschheitsgeschichte.

 

«Historisch-Kritisches Wörterbuch des Marxismus». Herausgegeben von Wolfgang Fritz Haug, Frigga Haug, Peter Jehle und Wolfgang Küttler. Band 9/I: «Maschinerie bis Mitbestimmung». Argument Verlag. Hamburg 2018.

Weitere Informationen unter www.inkrit.de

 


[1] HKWM Band 9/I, Spalte 430.

[2] Siehe Stefan Howald: «Wenn das Kapital nicht weiss, wohin», in: WOZ Die Wochenzeitung Nr. 20/18 vom 17.5.2018.

[3] Siehe HKWM Band 6/II, Spalten 1100 – 1108.

[4] Siehe Thomas Piketty: «Das Kapital im 21. Jahrhundert». 2014. Bemerkenswerterweise bleibt Piketty analytisch aber zumeist auf der Ebene der Zirkulationssphäre, ohne sich auf die zugrunde liegende Produktionsweise einzulassen.

[5] Siehe «Die halten uns wirklich für blöd». Interview von Caroline Baur mit Silvia Federici, in: WOZ Die Wochenzeitung Nr. 22/18 vom 31.5.2018.

[6] HKWM Band 9/I, Spalte 427.

[7] Siehe Frigga Haug: «Die Vier-in-einem-Perspektive». Politik von Frauen für eine neue Linke. 2. Auflage. Hamburg 2009.

[8] Siehe HKWM Band 7/II, Spalten 2109 – 2120.


Stefan Howald, geb. 1953, Redaktor bei der WOZ Die Wochenzeitung in Zürich und Publizist. Letzte Veröffentlichungen: Volkes Wille? Warum wir mehr Demokratie brauchen. Rotpunktverlag, Zürich 2014. Rudolf Erich Raspe: Münchhausens Abenteuer. Stroemfeld Verlag, Frankfurt 2015 (übersetzt und herausgegeben von Stefan Howald). Links und bündig. WOZ Die Wochenzeitung. Eine alternative Mediengeschichte . Rotpunktverlag Zürich 2018. Website: www.stefanhowald.ch.

Rezensionen
Ökonomie
24. Juni 2018

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