Ist Kunst Arbeit oder ästhetische Selbstbefriedigung?

Auf theoriekritik.ch hat die Gruppe Konverter den Text ‚Kunst, Kultur und Warenform – Rote Fabrik und Reitschule‘ veröffentlicht (http://www.theoriekritik.ch/?p=3554). Darin werden die Berner Reitschule und die Rote Fabrik in Zürich als Konsumtempel bezeichnet, in der die eigene, widerständige Kultur kommerzialisiert werde. Das Ziel der Gruppe Konverter ist die künstlerische Selbstermächtigung. Dabei kann Kunst nur widerständig sein, wenn sie unbezahlt ist, sonst wird sie unweigerlich Teil des kapitalistischen Kreislaufs. Und diese kapitalistische Produktionsform vernichtet jeden politischen Inhalt.

Die Frage nach dem/der Künstler/in wird im Text rhetorisch gestellt: Ist der Künstler nichts weiter als ein Bauarbeiter mit einem Pinsel, eine Putzfrau mit einer Schreibmaschine? Lässt man einmal ausser Acht, dass Künstler/innen Kleingewerbetreibende sind und nicht Arbeiter/innen, warum nicht? Doch dann werden sie unter der Hand zu Versicherungsvertretern, die ihrem Publikum unnütze Leistungen aufschwatzen wollen. So geht es weiter im Text. Aus richtigen Feststellungen werden Kurzschlüsse ins Falsche gezogen.

Gute Kunst braucht Arbeit

Was ist so schlecht daran, wenn der/die Künstler/in in erster Linie Produzent ist? Alle drei im Text genannten Berufe (Bauarbeiter, Putzfrau, Bankangestellter) sind komplex, auch wenn einzelne Tätigkeiten einfach sind. Sicher, jeder kann putzen, und zuhause soll das auch jeder. Aber nein, sie und er müssen es zuerst lernen, wenn es unter professionellen Bedingungen geschehen soll. Die sachgerechte Verwendung der einzelnen Putzmittel, der gezielte Einsatz der Geräte, die effiziente Organisation ist nicht ohne Einarbeitung und Erfahrung möglich. Wenn Berufe dazu da sind, komplexe Tätigkeiten zu fassen, auszubilden und auszuüben, worin besteht dann der Beruf des/der Künstler/in? Er/sie arbeitet permanent mit Form und Inhalt, muss das Handwerk zur Herstellung der Werke beherrschen und imstande sein, Ausstellungen zu organisieren. Er/sie produziert und verkauft Sinn und ästhetischen Mehrwert. Das ist so widersprüchlich wie es die gesellschaftlichen Verhältnisse sind, unter denen das stattfindet. Richtig stellt die Gruppe Konverter fest, dass mit der gesellschaftlichen Arbeitsteilung auch die Erhaltung von Privilegien verbunden ist. Doch deren Abschaffung kann nicht darin bestehen, dass im Schritt zurück alle Tätigkeiten so weit reduziert werden, dass jede/r sie ohne Vorbereitung ausführen kann. Die Kunstausbildung ist ein Privileg, ja richtig, aber die dabei gezielt erworbenen Fähigkeiten müssen sich alle aneignen, die Kunst machen wollen. Und wie für jeden Beruf gilt: Einzelne Tätigkeiten kann jede/r, aber die Ausbildung von Könnerschaft ist das Ergebnis von Auseinandersetzung und Arbeit und ist grundsätzlich proportional zur Zahl der darin investierten Stunden.

Ist Kunst kreativ?

Dem professionalisierten Kunstschaffen, das allein den Markt bedient, stellt die Gruppe Konverter das kreative Kind entgegen, „das spielt, musiziert, schreibt, malt (…) weil [es] lustig [ist], spannend, weil es reizvoll und phantastisch ist.“ Das kindliche Staunen, womit das Vertraute wieder mit frischem Blick gesehen wird, ja, das ist gewiss eine gute Zutat fürs Kunstschaffen. Und unbestritten macht es Spass, kreativ zu sein. Das ist nicht auf den Kunstbereich beschränkt. Kreativität, das spielerische Anordnen von Elementen, so dass etwas qualitativ Neues entsteht, gibt es nicht nur beim Künstler, sondern auch bei der Ingenieurin und beim Projektleiter. Kreativität ist ein Begriff, der auch in der Manager-Weiterbildung verwendet wird. Kreativ sein heisst nicht, Kunst zu machen. Schon das Kind wird schnell mit Lob und Kritik auf gesellschaftliche Anforderungen eingestimmt. So wird das kreative Schaffen zu einem Element unter anderen, unverzichtbar, damit ästhetischer Mehrwert entsteht, aber alleine zu wenig, um daraus Kunst zu machen.

Es braucht die Selbstermächtigung, damit auch nicht gesellschaftlich Legitimierte selbst Kunst machen. Und zentral für die Konverters ist dabei die eigene Kreativität. Dann erstaunt mich aber, dass die Gruppe Konverter nicht zur Kenntnis nimmt, was es an Alltagskreativität gibt, beispielsweise in der organisierten Form von Musikvereinen und Dorftheatergruppen, die das tun, was die Konverters als Ziel proklamieren: die „ästhetische Selbstverwirklichung“. Vermutlich legen die Konverters hier ihren nicht offen deklarierten Massstab an und erklären das zur unpolitischen Kreativität. Aber wenn es nur um die eigene Kreativität geht, für die schon existierende Räume in Beschlag genommen werden sollen, wo ist da das Politische, ausser in der Deklamation?

Wo ist das Politische der Kunst?

„Sie führen das Politische der Kreativität in die Warenform“ wirft Tim in einer Illustration im Text dem Kapitän Haddock vor, der auf den brisanten Inhalt seiner „Ausstellung zu Revolution und Kapital“ verweist. Das trifft tatsächlich auf viele politische Statements von Künstler/innen zu. Doch leider ist das Gegenteil von falsch nicht richtig, sondern andersherum falsch. Kreativität ist nicht dann politisch, wenn der kapitalistische Kreislauf vermieden wird, die Produktion von Kunst-Waren, die in Ausstellungen angepriesen, in Galerien verkauft und in Museen zur Wertsteigerung gelagert werden. Politisch wird ein Kunstwerk dann, wenn die Künstlerin in bestimmte Situationen interveniert, die Relevanz dieser Intervention ist von der aktuellen Konstellation abhängig, nicht vom guten Willen des Künstlers. Denn politisch ist nicht das, was als politisch deklariert wird, sondern das, was politisch ist: wenn gesellschaftliche Verhältnisse einen Ausdruck finden, der bei den Betrachter/innen etwas auslöst.

Was die Gruppe Konverter in ihrem Text richtig feststellt, ist der Zusammenhang von Form und Inhalt. Politische Inhalte in einer superkommerziellen Kunst-Ware sind nicht mehr als ‚revolution chic‘ und sind etwa so explosiv wie die Bläschen im Champagnerglas. In den aktuellen politischen Verhältnissen ist es aber fast einfacher, einen Sechser im Lotto zu machen, als mit einem Kunstwerk in eine politische Situation zu wirken. Dazwischen gibt es das Leben im Widerspruch. Wie weit ein politischer Inhalt sich in eine künstlerische Form bringen lässt, inwiefern die ästhetische und die produktive Form einen politischen Gehalt ausdrücken, darum ist immer wieder neu zu ringen. Nur wer in einen gesellschaftlichen Austausch tritt, der heute zwangsläufig kapitalistisch geprägt ist, kann daran auch arbeiten.

Das Politische eines Kunstwerks kommt nicht nur aus dessen Inhalt. Die ästhetische Form, die viel von der Subjektivität des/der Künstler/in enthält, ist Bestandteil der Wirkung, weil sie das Ungesagte und manchmal auch Rätselhafte enthält, das jenseits des expliziten Inhalts ein Werk erst zu einem Kunstwerk macht, das berührt. Nicht nur diplomierte und anerkannte Künstler/innen sollen das tun, darin haben die Konverters Recht. Und es ist auch besser, wenn das nicht nur Künstler/innen machen, die im Kunstzirkus tätig sind. Kunst ist immer auch Repräsentation, und es sollte nicht nur Siegerkunst für die Herrschenden geben. Doch wer das will, muss schon daran arbeiten und den Austausch nicht scheuen. Das ist so komplex wie widersprüchlich. Ein anschauliches Beispiel dafür ist die Situation in der frühen Sowjetunion. Da gab es die Gruppe Proletkult, in der Arbeiter eine eigene proletarische Kultur entwickeln wollten. Progressive Künstler/innen-Gruppen – am bekanntesten sind die Suprematisten – versuchten, die damals aktuelle Kunst auf die Gestaltung von Alltagsgegenständen anzuwenden. Daneben gab es auch Strömungen, die darauf bestanden, dass die hochentwickelte Kultur des Bürgertums verwendet werden soll, um die neuen gesellschaftlichen Verhältnisse darzustellen. Jede dieser Positionen hat etwas für sich. Erst im konkreten Fall lässt sich (kontrovers) gewichten, welche Herangehensweise für das erstrebte Resultat die richtige ist.


Gaudenz Pfister war lange in der ausserparlamentarischen Linken aktiv und ist beruflich als Techniker und Projektleiter tätig.

Diskussion
Kultur
18. Juli 2018

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