Zur Sozialen Frage heute (1): Die Soziale Frage und ihre Mechanismen: Spurensuche, Bestimmung und Herausforderungen

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Die sogenannte Soziale Frage entstand als Folge der industriellen Revolution in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Der spannungs- und konfliktreiche Übergang von der Agrar- zur Fabrikarbeitsgesellschaft führte rasch zu sozialen Verwerfungen innerhalb des Kapitalismus und markierte gleichzeitig den Ausgangspunkt Sozialer Bewegungen sowie der Sozialen Arbeit. Das Departement Soziale Arbeit der Ostschweizer Fachhochschule (OST) lenkt mit dieser Beitragsreihe den Blick auf die Gegenwart: Wie stellt sich die Soziale Frage heute? Und wer macht sie sich zu eigen? Die unter dem Übertitel Zur sozialen Frage heute in loser Folge erscheinenden Beiträge untersuchen deren Folgen für die einzelnen Menschen wie auch für die Gesellschaft.  

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Seit Anfang des 21. Jahrhunderts kommt eine längst bekannte Figur in neuem Gewand daher und gewinnt an Selbstverständlichkeit in alltäglichen, wie politischen Diskursen: die „Sozialen Frage“. Auf die so genannte „neue Soziale Frage“ wird bspw. verwiesen, wenn es um den radikalen demografischen Wandel, die wachsenden Herausforderungen in Bezug auf die weltweite Migration oder den Anstieg neuer sozialer Ungleichheiten und den fehlenden Ausschlüssen immer breiter werdenden Bevölkerungsgruppen geht, gerade wenn man sich die mittel- und langfristigen Auswirkungen der aktuellen SARS-CoV-2-Pandemie vor Augen führt. Bei genauerer Betrachtung der heutigen gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklungen wird schnell deutlich, dass soziale Errungenschaften und Selbstverständlichkeiten weiter Bevölkerungsteile auf vielfältige Weise in Frage gestellt werden. Soziale Sicherheit und soziale Gerechtigkeit sind keineswegs mehr selbstverständlich. Vielmehr scheinen sie angesichts der Zuspitzung struktureller Ungleichheiten und Polarisierungen neu verhandelt werden zu müssen. Es ist hier unter anderem die Rede von stabilen Arbeitsverhältnissen, einer gesicherten materiellen Existenz, einer gesicherten Wohnraumversorgung, sozialstaatlichen Transferleistungen, demokratischer Teilhabe oder einer angemessenen Teilnahme am Konsum. Doch was steckt hinter einer Renaissance der Bezugnahme auf die Soziale Frage? Was bezeichnet die Soziale Frage ursprünglich? Was sind ihre Mechanismen und daraus folgenden gesellschaftlichen Verwerfungen? Und was kann sie künftig bedeuten?

Im Folgenden wird der Versuch unternommen, die verschiedenen Zugänge zur und Mechanismen der Sozialen Frage, die aktuell weiterhin wirksamen sind, zu synthetisieren und Antworten auf diese Fragen zu finden.

 

Die Soziale Frage – eine Bestimmung

Die sozialen Folgen der Industrialisierung und die daraus hervorgegangenen sozialen Probleme wurden ab Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem durch Akteurinnen und Akteure der bürgerlichen Öffentlichkeit als Soziale Frage verhandelt. In den Fokus gerieten Themen wie Armut, Verwahrlosung, Krankheit, Wohnfragen, Arbeitslosigkeit, soziale Bewegungen, Klassenfragen, soziale Sicherheit, soziale Ungleichheit usw. Leitend war die Erkenntnis, dass soziale Not weder gottgegeben noch individuell verschuldet, sondern eine Folge der wirtschaftlichen und politischen Ordnung waren (Fontanellaz et al. 2018: 9).

So war lange Zeit der Begriff der Sozialen Frage vor allem im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Verwerfungen in der Zeit der Industrialisierung und der daraus folgenden Entwicklung der Sozialstaatlichkeit gebräuchlich. Massenelend, Mangel an Nahrung und Wohnraum, ausbeuterische Arbeitsverhältnisse und die faktische Unmöglichkeit sozialen Aufstiegs waren typische Merkmale dieser Epoche. Konkret mit Bezug auf den historischen Kontext werden mit der Sozialen Frage die Transformationen des Sozialen und das damit verknüpfte individuelle Leiden thematisiert.

Bei genauerer Betrachtung scheint jedoch aktuell die Artikulation des Leidens an gesellschaftlichen Verhältnissen umfassender und differenzierter geworden zu sein als in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts: Erwerbslosigkeit, Konkurrenz, Prekarität (Castel/Dörre 2009), steigendes Armutsrisiko, Wohnungsmangel (Mümken 2006), ein Rechtssystem, das dem Kapitalverhältnis dient (Agnoli 1995), das Gängeln von Hilfsbedürftigen (Wyss 2007). Die Soziale Frage lässt sich demnach als überdeterminiert, als Knotenpunkt verstehen, in dem die Wechselwirkungen zwischen ökonomischen und politischen Maßnahmen sowie den damit verbundenen sozialen Widersprüchen und existentiellen Nöten innerhalb einer Gesellschaft zusammentreffen. Gerade weil heute unterschiedliche gesellschaftliche Probleme unter den Begriff der Sozialen Frage subsumiert werden, scheint die Komplexität der einzelnen Problemlagen die dahinter liegenden gesellschaftlichen Widersprüche zu überlagern. Dabei lässt sich die Soziale Frage – heute wie früher – zurückführen auf das ökonomische kapitalistische Prinzip: nämlich aus Geld mehr Geld zu machen, sowie auf die Versuche, dieses Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnis ideologisch zu verschleiern und notfalls mit Gewalt zu sichern.

In dieser Annahme liegt ein wesentlicher Baustein unserer Synthese zur Bestimmung der Mechanismen der Sozialen Frage. Für die Analyse der Verwobenheit und des Zusammenwirkens verschiedener Phänomene und Ausprägungen der Sozialen Frage bedarf es auch eines vielschichtigen Blickes auf die mehrdeutigen Knotenpunkte. Als Folge dieser unterschiedlichen Ausprägungen der Sozialen Frage und dementsprechend gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse und Widersprüche, die durch die Kombination von ökonomischer Gewalt, ideologischer Verschleierungen und individuellen Bedürfnissen nach existentieller Sicherheit entstehen, ist auch die Soziale Frage selbst widersprüchlich und vielfach in sich fragmentiert. Sie erscheint daher nicht in ihrer Totalität, sondern nur in den von den betroffenen Individuen erlebten Ausschnitten. Dementsprechend sind einzelne Phänomene in ihren Bedeutungen nicht mehr aus sich selbst heraus zu begreifen, sondern nur aus ihrer Funktion in der Gesamtheit der kapitalistischen Gesellschaft und den Versuchen, das ökonomische kapitalistische Prinzip, das Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnis, mit Gewalt zu sichern und ideologisch zu verschleiern (Markard 2000: 32).

Als Ausdruck dieser Überdeterminiertheit verschiedenartiger gesellschaftlicher Interessen und Antworten auf die Verwirklichung verschiedener Interessen verfolgen gesellschaftliche Akteur*innen auch unterschiedliche Ziele. Die Soziale Frage thematisiert den sozialen Widerspruch zwischen den subjektiven Lebensinteressen und den ökonomischen Verwertungsinteressen. In ihr spiegelt sich die gesellschaftliche Auseinandersetzung über das konkrete Leiden an den gesellschaftlichen Verhältnissen. Dabei repräsentiert die Soziale Frage nicht die Interessen bestimmter gesellschaftlicher Akteur*innen, sondern die Soziale Frage ist die Artikulation des Verhältnisses mehrerer Akteur*innen oder Fraktionen zueinander, verdichtet auf die Zuspitzung gesellschaftlicher Auseinandersetzungen mit und Leidensfragen an gesellschaftlichen Verhältnissen, weil die Lebensrealität der Mehrheit der Gesellschaft durch eine ungleiche Verteilung von Teilhabemöglichkeiten der gesellschaftlichen Produktion ihres eigenen Lebens bestimmt ist. Aber die ungleiche Verteilung von Teilhabe- und Kräfteverhältnissen in kapitalistischen Gesellschaften führt dazu, dass Profit und Reichtum für die einen und Ausbeutung und Elend für die anderen produziert werden.

Bei aller Betonung der individuellen Möglichkeiten darf nicht vergessen werden, dass diese objektiven Umständen entspringen: dem ökonomischen Prinzip, dem herrschenden Interesse an Kapitalverwertung, den widersprüchlichen sozialen Kräfteverhältnissen, dem Verschleiern des gesellschaftlichen Konflikts, der Verteilungsungerechtigkeit. Besonders die Fragmentierung verschiedener Gruppen im Inneren der Gesellschaft hat die Funktion, das dem Schein der Freiheit und Gleichheit zugrundeliegende Ausbeutungsverhältnis durch die Hervorhebung von sozialen Unterschieden schwer durchschaubar zu machen und Einzelinteressen gegenüber dem Gemeinwohl abzusichern. Diese Fragmentierungen konstruieren nicht unbedingt zahlenmäßig, sondern funktional Minderheiten. Nicht nur ethnische Minderheiten, die als „Ausländer Arbeit, Wohnung, sonstige Lebensgrundlagen wegnehmen“ sondern auch Erwerbslose, Straffällige, Arme, Alte, Behinderte und alle anderen Personengruppen, welche scheinbar nichts zur Profitmaximierung und zu ihrer eigenen Existenz beitragen, können zum Objekt der Verschleierung gesellschaftlicher Ausbeutungsverhältnisse gemacht werden (Holzkamp 1997: 323 ff).

Das Leiden an diesen Abwertungen und an dieser sozialen Ungleichheit lässt sich mit Blick auf die vielfältigen Narrative der Sozialen Frage aber nicht ausschließlich als Mangel verstehen, als ein Mangel an Akzeptanz, Solidarität, sozialer Teilhabe oder Handlungsmöglichkeiten, sondern auch als ein Begehren oder als ein Wunsch an eine andere künftige Lebensweise. Den Wunsch bzw. das soziale Begehren verorten wir damit nicht ausschließlich darin, dass Menschen etwas fehlt, dass sie etwas entbehren, sondern dass in der Äußerung der Sozialen Frage eine (Wieder-)Aneignung einer gesellschaftlichen Zukunft artikuliert wird. Die Soziale Frage ist demnach die Artikulation von kollektiven Wünschen an eine andere Zukunft (Paulus/Grubenmann 2020).

Die aktuellen Wandlungsprozesse werden über Begriffe wie „digitale“ oder „vierte industrielle Revolution“ oder auch als „Soziale Frage 4.0“ (Paulus/Grubenmann 2020) zu fassen versucht. Es ist davon auszugehen, dass die dahinter liegenden „alten“ Mechanismen erneut wirksam sind bzw. sich „neue“ Mechanismen dazu gesellen und an Einfluss gewinnen. Doch was sind Mechanismen der Sozialen Frage?

 

Mechanismen der Sozialen Frage

Als Mechanismen lassen sich im Wesentlichen kraftumwandelnde Prozesse beschreiben. Einfachste Mechanismen sind Werkzeuge und Instrumente wie Hebel oder Seilzüge. Ziel einer Mechanik ist das gegenseitige Aufheben von Kräften in ihrem Verhältnis zueinander mit dem Ergebnis der Herstellung von Gleichgewicht oder Transformation von Systemen. Einfach gesagt entsteht durch Krafteinwirkung eine Bewegung oder es wird Trägheit überwunden. Der Mechanismus bestärkt die Krafteinwirkung. Mittels Einsatzes eines Mechanismus kann ein ursprünglicher Zustand überwunden werden.

Eine frühe analytische Verwendung des Begriffes Mechanismus ist durch Marx entwickelt worden. Er leitet den Begriff der Mechanik aus der Maschinerie der Arbeitsmaschinen, Transmissions- und Werkzeugmaschinen her. Diese Maschinen werden als Verlängerung der menschlichen Organe beschrieben. Ein wesentlicher Mechanismus der Industrialisierung ist, dass in einem ther- modynamischen Fabriksystem mittels Energie (Wärme, Arbeit, Maschinen) Rohstoffe zu Waren gefertigt werden (MEW 23: 398 f., siehe auch MEW 42: 602). Entsprechend der analytischen Erweiterung des Begriffes durch Deleuze und Guattari können nicht nur in der Fabrik (Produktions-)Mechanismen entdeckt werden; auch in weiteren gesellschaftlichen Einschließungsmilieus, wie Familie, Kindergarten, Schule oder Ausbildungsstätte, sind Mechanosphären, d.h. Gefüge und Verbindungen gesellschaftlicher Milieus, zu erkennen, welche durch Macht- und Herrschaftsmechanismen gesellschaftlich-funktionale Beziehungen und Subjekte produzieren (Deleuze/Guattari 1992: 710). Zusammenfassend bedeutet dies, dass sich Mechanismen mit einem Gefüge von Funktionalisierungen und Regulierungen gleichsetzen lassen. Mit der Darstellung von Mechanismen lassen sich bestimmte gesellschaftliche Produktions- und Ordnungsprinzipien analysieren (Deleuze/Guattari 1977: 114). Zentral ist darüber hinaus, das mit diesem Regelwerk menschliches Handeln und die sozialen Zusammenhänge nicht (zu) mechanistisch und (über)determiniert betrachtet werden, sondern vielmehr auch „Spielräume für alternatives Handeln“ in den Blick geraten bzw. eröffnet werden (Reutlinger/Fontanellaz 2020: 118).

Die Beschaffenheit von Mechanismen lassen sich konkret in Bezug auf die Soziale Frage abzuleiten, indem drei Formen von Mechanismen beschrieben werden (Schützeichel 2005: 110):

  1. Auslösemechanismus: Mechanismen als Auslöser von Prozessen und Zuständen.
  2. Wirkmechanismus: Mechanismen, die eine bestimmte Reaktion bzw. eine Wirkung hervorrufen.
  3. Steuerungsmechanismus: Mechanismen als theoretische Möglichkeit, um zu beschreiben, wie bestimmte Kräfte ihre Effekte ausüben, so dass Prozesse gesteuert werden können.

 

Zu 1) Auslösemechanismus

Zu Beginn der Neuzeit im 16. Jahrhundert entsteht durch Bauernaufstände der gewaltsame Prozess der Auflösung von Leibeigenschaften und Hörigkeitsverhältnissen. Gleichzeitig führen diese Aufstände auch zur Abschaffung des unmittelbaren Gemeineigentums und zum Prozess, „der eine Masse Individuen einer Nation etc. in […] freie Lohnarbeiter – nur durch ihre Eigentumslosigkeit zur Arbeit und zum Verkauf ihrer Arbeit gezwungene Individuen – verwandelt“ (Marx 1939/1941: 402). Dadurch, dass die bäuerlichen Massen frei werden, werden sie in einem doppelten Sinne frei: sie gehören nicht mehr direkt zu den Produktionsmitteln, noch gehören ihnen die Produktionsmittel. Dabei entsteht der Zwang zum Verkauf der je eigenen Arbeitskraft in Form von Lohnarbeit (MEW 23: 742). Die Folge ist, „dass die Ackerbauarbeiter auf dem von ihnen bestellten Boden selbst nicht mehr den nötigen Raum zur eignen Behausung finden“ (MEW 23: 756). Und die Wirkung dessen ist, dass den damals lebenden Menschen oftmals nur die Wahl bleibt, langsam zu verhungern, sich rasch zu töten oder sich das zu nehmen, was sie nötig haben (Engels 1845: 146 ff.).

Diese Zustände lassen sich auf folgende Auslösemechanismen zurückführen:

Die Veränderung der Zeitauffassung in Europa während des 14. und 17. Jahrhunderts von der zyklischen und konkreten (an Naturereignissen, wie Tage oder Jahreszeiten orientierten) zu der linearen und abstrakten (mit Uhr und Kalender fortschreitenden) Zeitauffassung ermöglichte zum einen die Gleichschaltung der Tages- und Nachtstunden über einen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang unabhängigen Zeitpunkt. Zum anderen ermöglichte sie ein effizienteres Organisationsprinzip des kapitalistischen Warentausches (Postone 2003: 307–321). Denn was Waren u. a. tauschbar macht, ist die Festlegung eines Preises, welcher sich über die Kalkulation des Wertes einer Ware aufgrund der Kosten des Materials, der Betriebskosten sowie der Arbeitszeit und den damit verbundenen Lohnkosten herstellen lässt. Ziel der kapitalistischen Kalkulation ist es, mehr Waren in einer immer kürzeren Zeit zu erzeugen. D.h., je genauer die Zeitrechnung, desto genauer die Kalkulation. Je niedriger die Kosten der Warenproduktion (Maschinerie, Rohstoffe, Lohn) und je schneller die Warenproduktion, desto höher der Gewinn und desto stärker die Ausbeutung (Postone 2003: 307–327; 433 ff.; Debord 1996: §149). Diese grundlegende Zusammensetzung der kapitalistischen Wirtschaftsweise führt zu einer elementraren sozialen Ungleichheit, welche mit Konkurrenz, Ausbeutung und Wachstum für die Einen sowie Armut für die Anderen einhergeht (MEW 23: 245 ff.). Für die Verelendung bzw. Ausbeutung der Lohnabhängigen macht Marx die reelle und formelle Subsumption der Arbeitskraft unter das Kapital verantwortlich (MEW 23: 533).

D.h., dass die Vermehrung von Elend und Geld auf dem ökonomischen Prinzip basiert, welches vorgibt, mit den vorhandenen Mitteln einen maximalen Nutzen zu erzielen bzw. ein bestimmtes Ziel mit minimalem Aufwand zu verwirklichen. In der Regel geschieht die Gewinnmaximierung durch eine optimale, rationale und effiziente Produktionsplanung und Kosteneinsparung, um die Gewinnspanne eines Produktes zu vergrößern. Die notwendige Arbeitszeit, um eine Ware zu produzieren, kann reduziert werden, indem Arbeitskräfte extensiver und/oder intensiver arbeiten. Dementsprechend sind in den Fabriken während der Frühindustrialisierung schwere Arbeitsunfälle durch Erschöpfung, Zeitdruck oder mangelnden Arbeitsschutz an der Tages-ordnung. Dadurch, dass diese absolute Mehrwertproduktion physiologische und soziale Schranken besitzt – 24-Stunden-Arbeitstag, Vernutzung der Arbeitskraft bis zum Tod, soziale Unruhen –, entwickelt sich während der Industrialisierung die relative Mehrwertproduktion als zentrale Produktionsweise. Die relative Mehrwertproduktion vollzieht sich einerseits über Verdichtung des Arbeitstages mittels Kooperation, Arbeitsteilung, Maschinerie und Geschicklichkeit der Lohnabhängigen. Andererseits kann die Produktivität der Arbeitskraft sich steigern, wenn die Lohnabhängigen die nötige Disziplin besitzen, sodass diese in kürzerer Zeit den Gegenwert ihres Arbeitslohnes produzieren können (MEW 23: 192–330). Marx bringt das ökonomische Prinzip auf folgende Gleichung:

„Die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer Degradation auf dem Gegenpol, d. h. auf Seite der Klasse, die ihr eigenes Produkt als Kapital produziert“ (MEW 23: 674 f.).

Zusammenfassend kann die doppelte Befreiung – frei von Leibeigenschaft und frei von Produktionsmitteln zu sein –, die Marx als ursprüngliche Akkumulation gefasst hat (MEW 23: 742), in Verbindung mit dem ökonomischen Prinzip als Auslösemechanismus der Sozialen Frage beschrieben werden: Im Mittelpunkt des kapitalistischen Wirtschaftens steht die effizienteste Form, Waren zu produzieren, nicht das Wohlergehen von Menschen. Damit entsteht Profit und Reichtum für die Einen und Ausbeutung und Elend für die Anderen. Die Sonderinteressen Einzelner sind gegenüber dem Gemeinwohl vorrangig. Folglich erzielt das ökonomische Prinzip bestimmte Wirkungen, auf die im Folgenden eingegangen wird.

 

Zu 2) Wirkmechanismus

Als Nicholas Rieussec 1821 die Stoppuhr erfindet, kann durch diese die relative Mehrwertproduktion beschleunigt werden. Haben die Arbeitsglocken während der Frühindustrialisierung noch den ganzen Tag oder ganze Stunden vermessen, können Stoppuhren Minuten und Sekunden zählen. Exemplarisch für die Anwendung der Stoppuhr im Arbeitsprozess stehen die von dem US- amerikanischen Ingenieur Frederick Winslow Taylor 1882 entwickelten Mess- reihen für Zeit- und Bewegungsstudien. Taylor untersucht Arbeitsabläufe in Fabriken mit Hilfe von Stoppuhren und Zeitlupenaufnahmen, um Zeitverluste durch „lazy or inefficient workers“ (Taylor 1913: 29), d. h. durch faule und leistungsschwache Lohnabhängige auszuschalten, indem er Arbeitsschritte in einzelne Handlungsmomente zerlegt, Arbeitsabläufe dadurch optimiert sowie Leerzeiten eliminiert. Damit soll die rationellste Ausführung ermittelt werden, um so den Arbeitenden eine mechanisierte Arbeitsverrichtung anzutrainieren. Anwendung fand diese wissenschaftliche Betriebsführung auf die Arbeitsorganisation durch die Einführung des Fließbandsystems in den Autofabriken von Henry Ford Anfang des 19. Jahrhunderts (Conert 1998: 278). Die Wirkung des ökonomischen Prinzips ist, dass infolgedessen das herzustellende Produkt auf dem Fließband an den Arbeitenden vorbeiläuft und diese haben den Zwang, in einer bestimmten Zeit eine bestimmte Handlung auszuführen. Zugespitzt lässt sich sagen, dass die Arbeitenden mit den Maschinen verschaltet werden (Foucault 1977: 197 f.). Die Arbeitstätigkeit wird in einem Fließbandproduktionssystem nicht mehr unmittelbar durch Vorgesetzte überwacht, sondern über die Geschwindigkeit des Fließbandes reguliert. Infolgedessen nehmen auch während der Durchsetzung dieses Produktionsparadigmas die Widerstände und Protestformen gegen die Intensivierung der Lohnarbeit am Fließband zu. Auf dem Höhepunkt dieser Proteste bzw. Klassenkämpfe gehen in Großbritannien 1969 sechs Millionen und 1970 zehn Millionen Arbeitstage durch Streiks verloren (Glyn/Sutcliffe 1972: 155 ff.). In Italien sind es 1969 294 Millionen Arbeitsstunden (Revelli 1999: 193). 1974 beträgt das Streikvolumen in Deutschland 200 Arbeitstage pro 1000 Beschäftigte. In der Zeit von 1991– 2000 als Vergleich beträgt das durchschnittliche Streikvolumen lediglich 9,3 Arbeitstage pro 1000 Beschäftigte (IAB 2005: 1 f.). Diese Streiks richten sich auch gegen die Wirkungen der monotonen und fremdbestimmten Arbeit am Fließband: Gefühle des Gehetztseins, der Fremdbestimmung und Selbstunwirksamkeit. Die erhoffte Wirkung der Fließbandtätigkeit, nämlich eine beschleunigte Produktion, schlägt dementsprechend in das Gegenteil um und es entstehen im Zuge der Proteste allmählich neue Formen der Arbeitsorganisation und des Managements. In den Betrieben werden z. B. kleine organisatorische Einheiten gebildet, um eine eigenverantwortlichere Arbeitsweise zu erreichen, indem Handlungs- und Entscheidungsmöglichkeiten der einzelnen Einheiten erweitert werden. Unter dem Label „Lean Production“ seit Beginn der 1980er Jahren wird die selbstbestimmte Arbeitsweise maßgeblich entwickelt. Gleichzeitig werden Personal, Kosten, Zeiten und Bewegungen noch stärker als in der tayloristischen Produktionsweise verschlankt und flexibilisiert. Das Organisationsprinzip der schlanken Produktion besteht aus der automatisierten Steuerung der Produktion, einer automatischen Fehlerkontrolle, der Herausbildung multifunktionaler Angestellten, einer Just-in-time- Produktion sowie im Auffinden und Eliminieren von Verschwendung. Kernziel ist die Beseitigung von überflüssigen Kosten. Als Verschwendung gilt alles, was nicht direkt zur Wertschöpfung beiträgt (Fuchs 2001: 78 f.).

Unter den Bedingungen zunehmender Digitalisierung und echtzeitorientierter Arbeitsprozesse hat sich die kapitalistische Akkumulationsdynamik nochmals verschärft. Eine Auswirkung hierfür ist das Cloud Computing bzw. Crowdworking. Gemeint ist damit, dass Firmen via Internetplattformen (z. B. www.clickworker.de) Kleinstaufträge an Temporärarbeitende, sogenannte Clickworker, auf der ganzen Welt vergeben. Clickworker testen Software, kontrollieren Webseiten oder pflegen Webshops. Pro 100 Clicks verdienen sie ein paar Cent. Clickworker verrichten als menschliche Roboter Microjobs im Akkord. Die Internationale Arbeitsorganisation in Genf hat festgestellt, dass die Nachfrage nach solchen Arbeitskräften stetig zunimmt und mittlerweile über 30 Millionen Menschen weltweit Clickworking betreiben (Torcasso 2017). Bei IBM z. B. soll das Crowdworking und das damit verbundene „Liquid Challenge Program“ eine grundlegende organisationale Revolution an- treiben. IBM möchte die Kernbelegschaft zusammenschrumpfen und den Rest der Arbeit von einem globalen Netzwerk von Clickworkern übernehmen lassen. Der Mechanismus dahinter ist, statt 600 Lohnabhängige für einen Monat anzustellen, den Job von 60.000 Personen an einem Tag erledigen zu lassen. Für Lohnabhängige in Niedriglohnländern, wie z. B. in Nigeria, Pakistan oder Mali, ist das eine Chance, mit ihrem Smartphone zu arbeiten und Devisen zu verdienen (Altenried 2017: 185 f.). Dementsprechend ist die Wirkung des ökonomischen Prinzips nicht nur eine Disziplinierung der Arbeitenden, sondern auch die Entwicklung einer Konkurrenzsituation unter Lohnabhängigen.

Zusammenfassend ist der Wirkmechanismus des ökonomischen Prinzips damit zu beschreiben, dass durch Beschleunigung, Beseitigung von überflüssigen Kosten, Optimierung und Verschlankung der Produktion bei Lohnabhängigen einerseits eine fremdbestimmte Arbeitsweise und anderseits eine verstärkte Konkurrenzsituation um bezahlte Arbeit entsteht. Dadurch, dass alles, was nicht direkt zur Wortschöpfung beiträgt, als Verschwendung deklariert ist, wird auch jede menschliche Äußerung rein unter funktionalen Gesichtspunkten erfasst – mit der Wirkung, dass menschliches Handeln unter kapitalistischen Vorzeichen den Verlust der individuellen Handlungsfähigkeit bedeutet, weil eine Übertragung bzw. Entäußerung der Handlungsfähigkeit an eine dem Individuum fremd gegenüberstehende Macht, dem ökonomischen Prinzip, stattfindet.

 

Zu 3) Steuerungsmechanismen

Um das entäußerte, entfremdete Verhalten der einzelnen Betriebseinheiten bzw. Menschen untereinander zu koordinieren sind darüber hinaus auch Steuerungsmechanismen wichtig. Die Kybernetik ist ein solcher Steuerungsmechanismus, weil sie sich mit der Selbstregulation von Systemen befasst und versucht, Regel- und Steuerungsweisen von Lebewesen nachzuahmen. Nobert Wiener, der Erfinder der Kybernetik, hatte diese als Kommunikation und Kontrolle mittels Feedbacks beschrieben. D. h. ein kybernetisches System wird als ein idealtypischer Regelkreislauf gedacht. In diesem System wird das Ver- halten von Systemkomponenten beobachtet und bei jeder Abweichung von der Norm entsteht eine Gegenwirkung in Form eines Feedbacks, um Störungen auszugleichen und das Verhaltenssystem in ein Gleichgewicht zu bringen (Wiener 1948). Am Beispiel der Lean Production lässt sich dieser Steuerungsmechanismus verdeutlichen. Hier greifen die Mechanismen des ökonomischen Prinzips und der Kybernetik zusammen. Bei Toyota wird z. B. ein neues Auto erst produziert, wenn ein bereits produziertes verkauft ist. Dementsprechend werden erst neue Autoteile oder die dazugehören Montageelemente wie Schrauben etc. nachbestellt, wenn in der Lagerhaltung entsprechende Rückmeldungen gegeben werden. Dadurch kann die Just-in-Time Produktionsweise gesteuert werden. Im industriellen Kontext in der Schnittstelle Mensch und Maschine werden auch sensorische Feedbacksysteme eingesetzt. Am Beispiel der Lagerhaltung lässt sich dies weiter verdeutlichen. Picker, also Personen, welche Pakete von großen Onlinewarengeschäften bestücken, sind oftmals mit einem Smarthandschuh ausgestattet, der ihnen auf dem Display zeigt, wo die Ware zu finden ist und welches der optimale Weg dorthin ist. Die Entwickler*innen solcher Handschuhe werben mit dem Versprechen, dass der Hand- schuh ein sofortiges sensorisches Feedback geben kann, wenn ein Fehler auf- tritt. D. h. das sensorische Feedback kann nur funktionieren, wenn das kybernetische System auch kontrollieren kann, welche Bewegung ausgeführt wird oder wo sich die Picker im Lagerhaus befinden. Beim Streik bei Amazon in Leipzig 2017 berichten Angestellte in Interviews, dass der Smarthandschuh nicht nur weiß, was eine Person gerade macht, sondern was alle machen und wo sie sich aufhalten. D. h. das System kann ihre Wege so steuern, dass sich bestimmte Personen nicht begegnen. Aber auch Leistungsabfall, Trödeln, Feh- ler etc. können dokumentiert und ausgewertet werden, um so Arbeitsprozesse zu optimieren. Die Angestellten sagen, dass sie nur noch sensomotorische Aufgaben verrichten: Signale erkennen, Waren scannen, greifen, heben, schieben, einsortieren und, dass sie sich „vollkommens als Teil der Maschine“ und „nicht als Mensch mit gewissen Fähigkeiten“ fühlen (Raffetseder/Schaupp/ Staab 2017: 240 ff.; Barthel/Rottenbach 2017). Im Zentrum der kybernetischen Businessmodelle stehen digitale Leistungsversprechen, um Zeit, Kosten und Qualität zu optimieren aber auch, um Lohnkosten einzusparen.

Zeitersparnis oder die Kontrolle der eigenen Tätigkeiten sollen auch auf die Organisation der Reproduktionsarbeit angewandt werden – sei es in Bezug auf Kindererziehung, Altenpflege oder Schwangerschaft, weil die abhängig Beschäftigten ihr materielles Überleben unter kapitalistischen Bedingungen durch die Gegenleistung einer individuellen Flexibilität in Bezug auf Arbeitsplatz und -zeit sichern müssen, damit sie jederzeit an x-beliebigen Orten in der „Rund-um-die-Uhr-Ökonomie“ eingesetzt werden können. Familienplanung und die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt, Kinder in die Familie zu integrieren, unterliegt somit einer rationalen Entscheidung und können als Selbst- Rationalisierung bezeichnet werden (Winker/Carstensen 2007: 282).

Zusammenfassend beinhalten Steuerungsmechanismen unter kapitalistischen Vorzeichen Selbstregulierungsweisen, die dazu führen, dass sich Arbeits- und Lebensweisen dem chronokratischen Produktionsregime anpassen, sodass sich das Verhalten von Individuen selbst reguliert, indem Verhaltens- weisen in einem relationalen Verhältnis zum Regulierten stehen. Dadurch wird das System der Herrschaft des ökonomischen Prinzips durch die selbst- ständige Steuerung der Beherrschten ausgeübt (Paulus 2005). Dieser Zwang zur zeitlichen Synchronisation individueller Handlungen mit Produktionsdynamiken beschränkt Gesundheit, kann das Gefühl von Zeitdruck, des Gehetztseins, stressbedingte psychische Störungen bis hin zu „Karōshi“, den Tod durch Überarbeitung, hervorrufen (Paulus 2018).

 

Fazit

Die Auslöse-, Wirk- und Steuerungsmechanismen der kapitalistischen Produktionsweise, welche zu Entlassungen von Arbeitskräften, zu einer strukturellen Arbeitslosigkeit, zum Verlust der individuellen Handlungsfähigkeit, zu Entfremdung und Konkurrenz sowie zu einer chronokratischen Herrschaft – d. h. dem Zwang zur Synchronisation individueller Lebensäußerungen mit dem ökonomischen Prinzip – führen, können die neue Soziale Frage bestärken. Eine aktuelle Studie der Universität Oxford prognostiziert in diesem Zusammenhang, dass die Hälfte aller heutigen Arbeitsplätze im Jahr 2030 nicht mehr existieren könnten (Frey/Osborne 2013). Eigentlich eine schöne Utopie: Maschinen können die Arbeit für Menschen erledigen. Statt Maschinen für Menschen arbeiten zu lassen, stehen Menschen den beschleunigten Arbeitsprozessen derzeit fremd gegenüber, weil die digitalen Algorithmen der Maschinen und kybernetischen Prozesse der kapitalistischen Produktionsweise durch das ökonomische Prinzip auf Effizienz programmiert sind und nicht auf Zufriedenheit und Chancengleichheit derjenigen, welche die Maschinen bedienen. Die neue Soziale Frage geht wahrscheinlich nicht nur mit der Rationalisierung der Produktion, sondern auch mit einer Standortkonkurrenz einher, indem der Kampf um die verbleibende Erwerbsarbeit und damit um die je individuelle Existenzsicherung zu Angst vor Abstieg oder der Ausgrenzung anderer (potentieller) Erwerbstätigen führt. Die Produktion von Konkurrenzverhältnissen unter den Lohnabhängigen verschiedener Nationalitäten hat den Effekt, das klassenbestimmende Ausbeutungsverhältnis durch die Akzentuierung nationaler Identitäten schwer durchschaubar zu machen. Aber nicht nur andere Nationalitäten können zum Objekt von Entsolidarisierungen und Ausgrenzungen werden, sondern auch „Arbeitslose“, „Behinderte“, „Alte“ bzw. alle, welche nicht ein Teil der Profitproduktion sind (Holzkamp 1997: 295). Mit dem gleichzeitigen Abbau sozialstaatlicher Sicherungen im Zuge neoliberaler Deregulierungen in den Industrienationen entstehen neue Verelendungs-tendenzen, welche sich qualitativ von den historischen Missständen insofern unterscheiden, weil sie sich vor dem Hintergrund bereits bestehender sozial- staatlich garantierter Sicherungsmechanismen abspielen. Damit verliert der Wohlfahrtsstaat seine befriedende Integrationskraft durch Sozialversicherungen, weil soziale Missstände im Zuge der Digitalisierung nicht mehr aufgefangen und dementsprechend Auslösemechanismen der Sozialen Frage wie zu Beginn der Industrialisierung produziert werden (Castel 2011: 13, 20, 359, 401; siehe auch den Beitrag von Peter Sommerfeld oder Myriel Ravagli in dieser Serie von www.theoriekrtik.ch).

Die Artikulation der Sozialen Frage als Leidensfrage und nicht als Sozialpolitik weist über die kapitalistische Vergesellschaftung hinaus, wenn Handlungen auf die Überwindung der Behinderungen und Dilemmata abzielen. Dadurch entstehen Artikulationen, welche die Abstraktionen der ökonomischen und ideologischen Gewalt abweisen und das Ziel haben, sich vom Kapitalverhältnis, „vom Staat als auch vom Typ der Individualisierung, der mit ihm verbunden ist, zu befreien“ (Foucault 1994: 250).

Mit den beschriebenen Mechanismen können so auch die Reaktionen und Bewältigungsstrategien der Bevölkerung in Bezug auf einen drohenden sozialen Abstieg, Prekarität, Wohnungsnot oder Armut verstanden werden, indem eben diese aktuell vorherrschenden selbstschädigen- den Bedingungen in Kauf genommen werden, weil ein Erfolg im Konkurrenzkampf gesellschaftliche Teilhabe in Form von Konsum und politischer Verwaltung ermöglicht. Für Lohnabhängige oder Erwerbslose bleibt durch den Zwang, gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse zu akzeptieren, um das individuelle Überleben zu sichern, allzu oft nur noch die Angst als Bündnispartnerin übrig. Angst vor Arbeitsplatzverlust, Leistungsdruck, finanziellen Einbußen, Prekarität oder die Angst vor einer persönlichen Ressourcenerschöpfung sind ständige Begleiterscheinungen. Die beschriebenen Mechanismen deuten weiter darauf hin, dass soziale Gerechtigkeit aktuell scheinbar nicht mehr in der Auflösung des gesellschaftlichen Klassenwiderspruchs bzw. zwischen „Arm und Reich“ hergestellt wird, sondern in der Absicherung der je egoistischen Lebensgrundlage mittels Abschottung der eigenen Interessen gegenüber den „Anderen“. Die Frage, die in diesem Zusammenhang offenbleibt, ist, wie jede Person selbst sich zu diesen Verhältnissen verhält und auf welche Seite sie sich stellt: Daran mitzuwirken, die derzeitigen gesellschaftlichen Verhältnisse aufrechtzuerhalten, und darauf zu hoffen, dass man einen Rest an Handlungsfähigkeit behält oder darauf hinarbeitet, dass die freie Entwicklung eines jeden zur Bedingung für die freie Entwicklung aller wird? Damit geht allerdings die Gefahr einher, in Konflikt mit denjenigen zu geraten, welche Sonderinteressen verfolgen, Privilegien und Gewalt besitzen oder die Gefahr, selbst den Rest der je eigenen und zugestandenen Handlungsfähigkeit zu verlieren. Als ersten Schritt zur Klärung dieser Frage bedarf es daher einer Debatte über die Aushebelung der Mechanismen der Sozialen Frage.

 

Literatur

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Stefan Paulus, Prof. Dr. rer. pol., Dozent, Institut für Soziale Arbeit, Fachhochschule OST St. Gallen (https://www.ost.ch/de/fachhochschule/ueber-ost/organisation/departement-soziale-arbeit/soziale-frage/) Arbeitsschwerpunkte: Kritik der politischen Ökonomie, Subjektwissenschaft, Gouvernementalitätsstudien. Zuletzt ist erschienen: Paulus, Stefan; Grubenmann, Bettina (Hrsg.): Soziale Frage und Soziale Arbeit. Ein Lehrbuch. Opladen: Barbara Budrich 2020

Christian Reutlinger ist Professor an der FH OST, St.Gallen und Leiter des IFSAR Institut für Soziale Arbeit und Räume. U.a.ist von ihm erschienen: Handbuch Sozialraum. Grundlagen für den Bildungs- und Sozialbereich. 2. Aufl. Wiesbaden: Springer VS. (Hrsg. zusammen mit Fabian Kessl) und Die Wiederkehr der Wohnungsfrage. Historische Bezüge und aktuelle Herausforderungen für die Soziale Arbeit. Zürich: Seismo. (zusammen mit Sylvia Beck).




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