Vom proletarischen Jugendwohnheim zum Szenelokal

bücherräumereien

Das Zürcher Café Boy und die Bieler Genossenschaft St. Gervais

Die Genossenschaften und Institutionen der ArbeiterInnenbewegung kommen in die Jahre und schreiben ihre Geschichten. 2010 konnte die Stiftung Volkshaus Zürich ihr hundertjähriges Jubiläum mit einem opulenten Band feiern, kürzlich erschien ein ebenso gediegenes Buch zum Zürcher Cafe Boy. Nicht ganz so aufwendig aber ebenfalls aufschlussreich wird jetzt in einer Publikation die hundertjährige Geschichte der Genossenschaft St. Gervais in Biel dargestellt.

CafeBoy_AnteilsscheinMit dem Café Boy verbinden sich vielfältige Geschichten, und es ist vielfältig in die Geschichte des Roten Zürich verwoben. Ein wunderschön gestaltetes Buch zum 100. Geburtstag erinnert daran. Dabei ist der Name ja nur die halbe Wahrheit. Das eigentliche Zentrum der Geschichte bildet die Genossenschaft Proletarische Jugend Zürich und ihr Wohnheim Sihlfeld, das günstigen Wohnraum für junge ArbeiterInnen bieten sollte. Das im Erdgeschoss angesiedelte Café Boy war sozusagen ein Nebenprodukt, stand und steht aber gelegentlich für das ganze Unternehmen.

Es begann mit einem Jugendheim in Uster. Der Seidenfabrikant Gustav Nüssli (1871–1919), der religiös-sozialistischen Bewegung nahestehend, stellte Geld zur Verfügung, und im Dezember 1917 konnte das Jugendhaus eröffnet werden. Die Dokumente darüber sind spärlich, wie Luca Stoppa in seiner ausführlichen Recherche im Jubiläumsband schreibt. Nüssli war auch Initiant anderer Genossenschaften und Konsumvereine. Doch im Dezember 1919 starb er unerwartet; aus seinem Erbe fiel der Gruppe um das Jugendhaus Uster eine Restsumme zu. Damit wurde 1923 die Genossenschaft Proletarische Jugend (GPJ) gegründet. Sie dislozierte nach Zürich und war vorerst im Umfeld der Kommunistischen Partei (KPS) verankert. Das Geld reichte allerdings nicht für die ursprüngliche Idee eines Wohnheims für proletarische Jugendliche. Dafür konnte 1925 in Böschenrot am Zugersee ein Ferienheim eröffnet werden. Es wurde von Gruppen aus der kommunistischen Bewegung, aber auch von Tagesausflüglern frequentiert und wirtschaftete durchaus erfolgreich. Doch 1931 verstärkte sich der politische Druck auf die KPS, und 1935 musste das Heim aufgrund von Behördenschikanen aufgegeben werden.

Dazwischen, 1928, war die Genossenschaft durch eine Stiftung des pazifistischen Architekten Max Rotter zu zwei Häusern an der Sihlfeldstrasse gekommen. Schon am 1. Juni 1928 konnte dort endlich das Proletarische Wohnheim eröffnet werden, mit elf Einer- und sechs Doppelzimmern. Dazu kam eine gemeinschaftliche Infrastruktur mit Aufenthaltsräumen – selbstverständlich samt kleiner Bibliothek – eine Bastelwerkstätte und ein grosser Speisesaal mit Gemeinschaftsküche.

Das Haus sollte nicht nur Wohnort, sondern zugleich Versammlungsort sein. So wurde ein breites Kulturprogramm geboten, politisch wie kulturell. Doch im ersten Jahresbericht hiess es ein wenig enttäuscht, die Jugendlichen seien vor allem an den Unterhaltungsabenden interessiert gewesen.

cafeBoy_haus_h_neuNeues Bauen

In den folgenden Jahren verbreiterte sich die Trägerschaft, in den zeitgenössischen Linienkämpfen setzte sich allmählich eine (links)sozialdemokratische und gewerkschaftliche Orientierung durch. Bereits 1932 gab es Pläne für einen Umbau beziehungsweise Neubau an der Sihlfeldstrasse, der dann im Oktober 1934 eröffnet wurde. Er ist ein Wurf, und ist bis heute, nach einer sanften Renovation, ein Wahrzeichen Neuen Bauens aus den 1930er Jahren geblieben. Architekt Franz Stephan Hüttenmoser hat daneben nur sehr wenig gebaut, doch Muriel Pérez stellt ihn in einem Beitrag zum Jubiläumsbuch in die internationale Diskussion über funktionales und zugleich sozial avanciertes Bauen.

Das Konzept eines integrierten Wohnheims funktionierte etwa zwanzig Jahre lang. Das Wohnheim war gut besetzt, wenn die MieterInnen auch stark fluktuierten. Die Räume wurden von diversen Kultur- und Sportvereinen benützt, die Werkstätten waren gut ausgelastet. Zwei Mieterinnen aus dieser Phase, Mentona Moser und Rosa Grimm, führen tief in die Geschichte der Schweizer Arbeiter- und Frauenbewegung.

Doch in den fünfziger Jahren hob sich der Lebensstandard der Arbeiterklasse, und die Arbeiterbewegung begann, sich in den bürgerlichen Staat zu integrieren. Die «proletarische Jugend» verflüchtigte sich; langjährigen MieterInnen konnte nicht gekündigt werden, also stieg das Durchschnittsalter, und um 1960 kamen «Randständige», wurden Sozialhilfebezüger von der Stadt Zürich einquartiert. Die Werkstätten waren ab 1965 finanziell nicht mehr tragbar.

Das alkoholfrei geführte Café Boy hatte schon zuvor ein Eigenleben entwickelt. Mitte der sechziger Jahre begann ein Aufschwung, der das Image bis heute mitprägt. Gruppen der Neuen Linken versammelten sich in den Räumen im Untergeschoss. Die Antiatombewegung fand hier einen Stützpunkt, die Junge Sektion der PdA plante die Aufmischung der herkömmlichen Politik und entwarf radikale Flugblätter, die Werkstatt schreibender Arbeiter feilte an Texten, der «Zeitdienst» von Theo Pinkus ordnete das Material für seine Seiten, und die Führungsgruppe der RAZ, der Revolutionäre Aufbauorganisation Zürich, schmiedete jeden Sonntagabend am Aufstand herum. Ich erinnere mich vage an zwei, drei Sitzungen, bei denen ich Anfang 1974 als Vertreter der Basisgruppe Germanistik an Versammlungen des Hochschulkampfs teilgenommen habe; wobei mir die damals dominierende RAZ ein bisschen zu revolutionär war; sie hat sich dann auch wenig später aufgelöst – ohne mein Zutun natürlich. Die «revolutionäre» Tradition blieb freilich gewahrt mit Vorgruppen des heutigen Revolutionären Aufbaus. Und mit Spitzeleien des Staatsschutzes, die schliesslich 1986 in der WOZ enttarnt wurden.

Dabei bleibt es ein Paradox: Das Café Boy gehörte zwanzig Jahre lang zur linken Infrastruktur, aber all diese Sitzungen und Aktivitäten hatten keinerlei belebende Auswirkungen auf die Genossenschaft. Ja, in den abgedruckten Gesprächen stellen ehemalige ExponentInnen und MieterInnen bereits ab 1953 eine Stagnation fest. Das Wohnheim und das Gesamtunternehmen dümpelten vor sich hin, konnten die Impuls von 68, von 80 oder von neu entstandenen Wohnbauinitiativen wie Karthago nicht aufnehmen. Im Nachwort zum Jubiläumsbuch wird von Oliver Schwarz, Mitglied des heutigen Genossenschaftsvorstands, ein schon beinahe unbarmherziges Fazit gezogen. Umgekehrt beurteilt ein langjähriger Genossenschafter wie Eugen Stiefel die neuste Entwicklung der Genossenschaft ziemlich kritisch.

Kapital und Geist

Das Café Boy, immerhin, konnte unter verschiedenen Pächtern überleben, auch weil 1987 ein Alkoholpatent erworben worden war. Als erfolgreichste Phase gilt einhellig diejenige unter Christian Egger von 1990 bis 1995, der einen levantinischen Kochstil nach Zürich brachte und durch seine Musikliebhaberei ein neues Publikum anzog. Unterschiedliche Betriebsauffassungen zwischen ihm und dem Genossenschaftsvorstand scheinen aber zu einem nicht ganz reibungslosen Abgang geführt zu haben.

CafeBoy_InnenNeuWenige Jahre häutete sich die Genossenschaft grundlegend. 1998 wurde auf Initiative des langjährigen Präsidenten Bruno Kammerer ein zweites Haus an der Langstrasse erworben. Möglich wurde diese, weil das Wohnheim offenbar dank erhöhten, wiewohl immer noch günstigen Wohnpreisen gut gewirtschaftet hatte, und dank einer günstigen Hypothekarbelastung. Seither stützt sich die Genossenschaft auf zwei Häuser, die beide renoviert worden sind. 2005 gab man sich einen neuen Namen: bonlieuGenossenschaft. Und einen neuen Zweck, nämlich «preisgünstigen Wohnraum» und «kulturpolitisches Engagement» anzubieten und dabei geradezu «Kapital und Geist» zusammenzubringen.

Nach zehn durchaus erfolgreichen Jahren unter einem jungen Wirtepaar sollte das Café Boy im Herbst 2019 an die Anfänge anknüpfen, da die SP-nahe Genossenschaft Zum guten Menschen die Pacht für Restaurant und Versammlungsräume übernahm, um dort auch politische und kulturelle Veranstaltungen anzubieten. Das Projekt ist jetzt freilich voll in den Corona-Stillstand hineingeraten. Aber das Café Boy wird hoffentlich weiterleben.

Radikale Bieler Kultur

Die Genossenschaft hiess zu Beginn anders, entschiedener: «Società Cooperativa Proletaria». Gegründet wurde sie am 30. Dezember 1919 von italienischen ArbeiterInnen. Im Februar 1920 konnte das geschichtsträchtige «Abtenhaus» in der Bieler Altstadt gekauft werden, am 1. April wurde das Restaurant «Proletaria» im Erdgeschoss eröffnet. Daneben verkaufte die Genossenschaft Lebensmittel und Weine aus Italien vergünstigt, und die oberen Räume dienten für politische und kulturelle Versammlungen.

St.Gervais_3Nach der Machtergreifung von Mussolini in Italien wurde auch das «Proletaria» in politische Auseinandersetzungen in der italienischen Diaspora verwickelt. In den folgenden Jahren bemühte man sich mit einigem Erfolg um eine breitere, dreisprachige Kundschaft. Den Zweiten Weltkrieg überstand die Genossenschaft, bei reduziertem Betrieb, erstaunlich unbeschadet, doch geriet sie danach angesichts eines veränderten sozialen Umfelds in die Krise. Die sollte 1965 mit der Änderung des Namens in das noch heute bestehende «St. Gervais» überwunden werden, wobei man damit an ein radikales Bieler Café aus dem 19. Jahrhundert anknüpfte. Tatsächlich kamen mit der 68er-Bewegung neue politische und alternative Kreise ins «St. Gervais». Wenig später traf die Wirtschaftskrise ab 1973 den Industriestandort Biel und dessen Arbeiterschaft stark, was die traditionelle Trägerschaft des «St. Gervais» tangierte. Ab 1975 veränderte sich die Genossenschaft Richtung Kulturaktivitäten.

Periodisch kamen sich, wie etwa auch beim Cafe Boy, die verschiedenen Funktionen als Restaurant, Diskussionsort und Kulturzentrum in die Quere, und zuweilen gerieten verpachteter Gastbetrieb und die Genossenschaft als Besitzerin aneinander. 1989 konnte eine existenzgefährdende Krise dank viel Solidarität aus breiten Kreisen überwunden werden.

Letztmals wurde die Liegenschaft 2015 durchgängig renoviert; seither wirtet ein neues Team erfolgreich, und der im Haus beheimatete Club «Le Singe» ist im Rahmen der generellen Wiederbelebung Biels zum anerkannten Veranstaltungsort geworden. Diese Geschichte wird in einer hübsch aufgemachten Broschüre knapp und anschaulich erzählt. In der bücherraum f gelangt ist die Broschüre übrigens als Geschenk der treuen Sponsorin Ginevra S., die, natürlich, in Biel wohnt.


Oh-Boy-PJZ-Buch-1-760x505Proletarische Jugend Zürich: Die Geschichte einer linken Genossenschaft zwischen revolutionärer Utopie und reformistischem Pragmatismus: Freie Jugend Uster – Proletarische Jugend Zürich – Wohnheim Sihlfeld – bonlieuGenossenschaft 1917 – 2017. Herausgegeben vom Vorstand der bonlieuGenossenschaft. Mit Beiträgen von Luca Stoppa und Muriel Pérez. Scheidegger & Spiess, Zürich 2018. 176 Seiten, zahlreiche Fotografien und Illustrationen.

St.GervaisAntonia Jordi: «100 Jahre Genossenschaft St. Gervais. Die Geschichte des Restaurants ‹St. Gervais›, vormals ‹Proletaria›». Biel 2020, 48 Seiten.


Die beiden Publikationen befinden sich in der Politisch-philosophischen Bibliothek des bücherraums f in der Abteilung DC.13, Schweizer Kultur.


Stefan Howald, geb. 1953, Journalist und Publizist. Letzte Veröffentlichungen: Volkes Wille? Warum wir mehr Demokratie brauchen. Rotpunktverlag, Zürich 2014. Rudolf Erich Raspe: Münchhausens Abenteuer. Stroemfeld Verlag, Frankfurt 2015 (übersetzt und herausgegeben von Stefan Howald). Links und bündig. WOZ Die Wochenzeitung. Eine alternative Mediengeschichte . Rotpunktverlag Zürich 2018. Website: www.stefanhowald.ch.




Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *