Wie Verschwörungsideologien argumentieren: Neun Denkmuster

Wer schon einmal das Unglück hatte, mit Verschwörungsgläubigen zu diskutieren, kennt deren Unwille zu einer kohärenten Debatte. Diese Inkompetenz entspringt nicht bloss einem Drang zur Vereinfachung, wie liberale Beobachter*innen gerne lapidar behaupten. Verschwörungsideologische Argumentationen folgen einer perfideren Logik, die sich in ihrer Simplizität für fähig erachten, die unumstössliche Wahrheit über eine omnipotente Verschwörung aufzudecken. Anstatt konkrete Argumente zu widerlegen, offeriert der folgende kursorische Überblick neun Denkmuster, die eine Reflexion der politischen Linken über den erstarkenden Verschwörungsglauben anregen möchte.

Angesichts der zahlreichen Krisen ist es eigentlich verwunderlich, dass nicht mehr Menschen protestieren. Das Gefühl, dass vieles schief laufe, ist zunächst nicht Zeichen von Idiotie, sondern die einzig menschliche Antwort auf die allgegenwärtigen Ungerechtigkeiten. Der Kapitalismus verkörpert eine besondere Form dieses Versagens, auf menschliches Leiden zu reagieren: Mittel und Zweck sind verschieden. Die Mittel sind geplant, effizient und rational. Jede Lieferkette, jedes Gesetz und jeder Arbeitsprozess werden penibel durchdacht. Der Zweck dieser rationalen Mittel ist jedoch völlig irrational. Sei es der Profit, der bessere Standort oder das stärkere Militär; sie dienen sich selbst und höchstens beiläufig unseren Wünschen, unserer Moral und unserem Glück.

1. Verschwörungsideologien verstehen diese Gleichzeitigkeit von Rationalität und Irrationalität im Kapitalismus ganz speziell. Sie erkennen die Irrationalität der Gesellschaft als solche – etwas läuft schief – und vermuten einen rationalen Plan, der für die Irrationalität verantwortlich ist. Die Möglichkeit, dass Elend auch ohne Absicht existieren kann oder aus multikausalen Ursachen hervorgeht, wird nicht offengelassen. Dies ist in der Covid-19-Pandemie besonders absurd, in der die politischen und wirtschaftlichen Eliten so offensichtlich visionslos die Krise zu bekämpfen versuchen.

2. Formal gesprochen, formulieren Verschwörungsideolog*innen eine Zweiteilung der Gesellschaft. Sie postulieren eine verschwörerische Elite, die sich mit einem bösartigen Plan den Rest der Menschheit unterwerfen will. Eine kleine Gruppe, die gesellschaftspolitische Entwicklungen sowohl erkennen wie auch kontrollieren kann, steht einem diffus definierten Rest gegenüber, der weder erkennen noch kontrollieren kann. Für diese beiden Pole werden unterschiedliche Chiffren eingesetzt, zum Beispiel Juden vs. Patrioten, Satanisten vs. Gläubige oder Merkel vs. Deutsche. Das Spiel ist aber immer dasselbe.

3. Verschwörungsideolog*innen denken in einer Akteurslogik. Ereignisse werden also auf Personen zurückgeführt. Damit wird nicht nur die Macht einzelner Menschen massiv überschätzt, sondern auch der Einfluss von unpersönlichen Strukturen geleugnet. Diese Logik kann nicht erklären, warum eine Verschwörung überhaupt in der Lage sein sollte, einen so weitreichenden Plan in die Tat umzusetzen. Bill Gates könne bald die Menschheit kontrollieren; sein Geld verleihe ihm den dafür nötigen Einfluss. Dieses Argument täuscht darüber hinweg, dass das Vermögen von Gates erstens nur innerhalb spezifischer historischer Verhältnisse wirkmächtig werden kann und zweitens bloss ein Beispiel für ein extrem ungerechtes Wirtschaftssystem ist. Macht besitzt Gates als Multimilliardär, nicht als Person Gates.

4. Der in Verschwörungsideologien omnipräsente Antisemitismus wird unter anderem durch eine erweiterte Akteurslogik hervorgebracht. Vorerst limitiert die Akteurslogik die historische Aussagekraft auf eine Generation. Wenn jedoch eine generationsübergreifende Verschwörung angenommen wird, verstärkt sich der (latente) Antisemitismus im Verschwörungsglauben. Nicht mehr Einzelpersonen oder Gruppen, sondern gesellschaftlich tief verankerte Netzwerke – Banken, deep state, Familiendynastien – sollen über Jahrzehnte den grossen Plan verfolgen. Menschen jüdischen Glaubens wird fast immer eine tragende Rolle in diesen Netzwerken zugeschrieben. So wird einer erweiterten Akteurslogik die Treue gehalten, indem Strukturen und Verhältnisse personifiziert werden.

5. Ein rigider Wahrheitsbegriff strukturiert die gesellschaftlichen Analysen, die aus der Akteurslogik gewonnen werden. Aus Abläufen und Ereignissen werden eine personalisierte Wirklichkeit abgleitet, der eine unumstössliche Gültigkeit zukommt. Diese «Fakten» stehen einer klar abgegrenzten «Meinung» gegenüber, die sich wiederum – ebenso rigide – in moralisch gute und böse Überzeugungen aufteilt. Die so konstruierten Dichotomien ebnen den Weg für eine apodiktisch vorgebrachte politische Strategie, die ohne Reflexion auf die eigenen Kategorien und rein moralisierend auf die Wirklichkeit einwirken möchte.

6. Verschwörungsideolog*innen bereiten Inkohärenzen im medialen Narrativ sowie Zahlenmuster eine infantile Freude. Sie wenden eine beeindruckende Energie auf, um in Details die vermeintlich grosse Verschwörung aufzudecken. Einige weiden sich begeistert an widersprüchlichen und inkonsistenten Darstellungen, andere wiederum fokussieren auf Kryptogramme, Akronyme und Quersummen. Die Denke ist dabei die gleiche: Was auf den ersten Blick als unwahrscheinlichen Zufall erscheint, soll ein Beweis für die Verschwörung sein. Es wird also aus einer Korrelation eine Kausalität konstruiert, ohne sich um eine Begründung des jeweiligen Zusammenhangs zu bemühen.

7. Daraus folgt die Unfähigkeit, selbst eine systematische Theorie zu formulieren. Die Stossrichtung von Verschwörungsideologien weist nur nach aussen. Es geht darum, einerseits die Handlanger der Verschwörung – allen voran die Medien – zu diffamieren, andererseits die Mitmenschen als «naive Schafe» zu schelten. Gegen innen wirkt der verschwörungsideologische Anspruch nicht. Es stellt kein Problem dar, selbst konfliktäre Aussagen zu vereinen. Die Forderung, kohärent und systematisch zu argumentieren und richtige Theoriearbeit zu leisten, wird nur an andere und niemals an die eigene Adresse formuliert.

8. Das Bedürfnis nach Autorität ist unübersehbar. Verschwörungsideologien speisen sich aus dem Wunsch, dass die gesamte gesellschaftliche Irrationalität doch noch einem rationalen Plan folgt und letzterer von jemandem kontrolliert wird. Dieser Wunsch hindert verschwörungsgläubige Menschen daran, die Überwindung der Autorität wirklich zu wollen. Hinter ihrer Anklage steht das Verlangen, selbst so mächtig zu sein, um die Probleme eigenständig in Angriff zu nehmen. Diese tief greifende, geheime Bewunderung für die Autorität endet in der Legitimierung von Herrschaft. Verschwörungsideologien haben einen zutiefst reaktionären Kern; eine wirkliche Entmachtung der Verschwörung ist gar nie das Ziel. Auf dieser Grundlage kann niemals eine solidarische politische Alternative erwachsen.

9. An der Basis ist der verschwörungsideologische Aktivismus höchst individualisiert und beschränkt sich auf das Sehen und Teilen von Videos und Artikeln. Es sind vornehmlich die Exponent*innen der «Bewegung», die sich in rechtsextremen, evangelikalen und esoterischen Netzwerken organisieren. Die eigenen Inhalte werden zwar einer breiteren Bevölkerung zugänglich, aber daraus kann keine politische Kraft erwachsen. Der Druck auf wirtschaftliche Abläufe und politische Institutionen bleibt aus. Die Pseudoradikalität von Verschwörungsideologien tritt hier klar zutage: Ein Mitglied einer solchen Verschwörung würde sich bestimmt nicht vor einer individualisierten Masse fürchten, die die Geschehnisse weder systematisch erfassen kann, noch zur Druckausübung fähig ist.

Diese neun Denkmuster treten in den einzelnen Varianten von Verschwörungsideologien unterschiedlich deutlich auf. Ihre Vergegenwärtigung erlaubt tentativ, Verschwörungsideologien in Bezug auf ihre argumentationslogische Denkart zu ergründen. Die Besinnung auf das logische Vorgehen ist zentral, um den Anklang von Verschwörungsideologien nachvollziehen und die folgenschweren Implikationen dieser Denke illusionslos begreifen zu können. Denn es handelt sich beim Verschwörungsglauben nicht – wie liberale Apologet*innen des Status quo asserieren – um eine psychisch insuffiziente Urteilskraft, die mit Komplexität nicht umgehen kann und Sündenböcke für eigenes Leiden suchen möchte. Vielmehr beinhaltet der Impetus von Verschwörungsideologien äusserst rigide Begriffe von Rationalität, Wahrheit, Systematik und Moral sowie ein Verlangen nach starker Autorität. Resultat ist ein Denksystem, das weder zu kritischem, noch zu reflektierendem Denken in der Lage ist und notwendig in einer selbstreferenziellen, reaktionären Haltung endet. Die Offenheit von Verschwörungsgläubigen gegenüber Rassismus und Faschismus ist nicht Zeichen einer paranoiden Verwirrung, sondern die Folge ihres argumentationslogischen Vorgehens. Der Nachweis dieses verworrenen Politikverständnis ist die Aufgabe einer politischen Linken, die ihre progressiven oder emanzipatorischen Anliegen gegen reaktionäre Projekte verteidigen möchte.


Florian Skelton studiert Politikwissenschaften und Philosophie mit Schwerpunkt Politische Theorie an der Universität Zürich. Neben Verschwörungsideologien interessiert er sich für populistische Kräfte und deren diskursive Strategien.



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