Andrew Williams: Die Japanische Rote Armee Fraktion

William Andrews’ Publikation basiert auf Texten, die er ursprünglich im Band Dissenting Japan publiziert hat. Das Buch stellt eine Chronik der Ereignisse dar, die bisweilen summarisch geschildert werden. Die gelegentlich zitierte Fachliteratur auf japanisch mag den meisten zwar nicht weiterhelfen, doch finden sich im Buch auch zahlreiche Verweise auf englischsprachige Texte. Abgesehen von wichtigen Details und Worterklärungen wird der historisch-gesellschaftliche Kontext zwar angedeutet aber nicht extrem ausführlich erklärt. Darum eben erweckt das Buch den Eindruck einer Art Chronik. Die Bedeutung der deutschprachigen Übersetzung von William Andrews Die japanische Rote Armee Fraktion beschreibt der Autor Gregor Wakounigs in seinem Vorwort wie folgt: «Die Geschichte der japanischen Neuen Linken, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist, ist im Westen kaum bekannt, was nicht nur an Sprachbarrieren sondern auch am eurozentristischen Blick unserer Medien liegt.»

Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Im ersten erzählt Andrews die Geschichte der japanischen RAF, ab dem Zeitpunkt als sie aus den universitären Zengakuren (Studierendengewerkschaften) heraus entstanden ist. Die Unruhen um das Jahr 1968 herum nahmen in Japan ganz andere Dimensionen an als in Deutschland. Zwischen 1968 und 1969 war das japanische Universitätssystem praktisch lahmgelegt und zahlreiche Menschen, darunter eine grosse Zahl Studierende, traten mit Helmen und Holzstöcken der Polizei entgegen.
Neben der eher grotesken Episode der ersten Flugzeugentführung, die Havanna zum Ziel hatte, jedoch bereits in Nordkorea endete, weil der Treibstoff nicht ausreichte, schildert Andrews die äusserst brutale und verstörende Gewaltspirale, in die sich die japanische Rote Armee Fraktion hineinsteigerte.

Im zweiten Teil wird die Geschichte der Vereinigten Roten Armee geschildert, die aus dem Zusammenschluss der japanischen RAF und der Revolutionären Linke entstanden ist. Die Gruppe war sektiererisch und konspirativ. Sie war geprägt von Säuberungen und Psychoterror, deren Handlungen und Ideologie immer extremer wurden und sich schliesslich in einer Berghütte, die zehn Tage lang durch die Polizei belagert wurde, selbst säuberte,.
Es scheint allgemein ein Problem konspirativer Gruppen zu sein, dass sie sich in eine Situation der Isolation steigern oder hineingetrieben werden, dadurch Raum, Zeit und Möglichkeiten zur selbstkritischen Reflexion entbehren und deshalb gesellschaftliche Verhaltensmuster in verheerender Weise reproduzieren. Andrews setzt im zweiten Teil die Gewaltspirale der Vereinigten Roten Armee in Zusammenhang mit der japanischen Gesellschaft, die extrem patriachal und hierarchisch geprägt ist. So ähneln Phänomene wie Selbstbezichtigung, Unterwerfung, tyrannisches Verhalten der Anführenden und Psychoterror auch jenen der deutschen RAF, manifestierten sich in Japan jedoch in besonders krasser Form. Auch sexualisierte Gewalt spielte über die RAF hinaus in der japanischen Neuen Linken eine viel grössere Rolle als im Deutschland der 1960er-Jahre. Andrews berichtet von Vergewaltigungen, sexistischer Arbeitsteilung und auch davon, dass japanische Aktivistinnen sich in der Zwickmühle befanden, bei der Verwendung von Make Up als “kapitalistisch” bzw. “bourgeois” diffamiert ansonsten jedoch Gefahr liefen, als “unweiblich” denunziert zu werden.

Der letzte Teil behandelt die Japanische Rote Armee. Sie ist die bekannteste japanische politisch radikale Gruppe, da sie international agierte. Ihre Mitgliederzahl war nicht besonders hoch, doch die Gruppe agierte international, besonders in Palästina, und führte immer wieder erfolgreiche Operationen durch.

Andrew Williams: Die Japanische Rote Armee Fraktion. Mit einem Vorwort von Gregor Wakoungi. Aus dem Englischen von Rudi Gradnitzer. Wien 2018.


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