Lou Marin: Rirette Maîtrejean. Attentatskritikerin, Anarchafeminstin, Individualanarchistin.

Rirette Maîtrejean (14.08.1887-11.06.1968), geborene Anna Henriette Estorges begann in der sogenannten belle époque (Ende 19. Jahrhundert bis 1914) als Anarchistin aktiv zu werden. Nach der Verhaftung der Bonnot-Bande, die Raubüberfälle und Morde verübt hatte, stand sie unschuldig vor Gericht und bezog gegen die Bande eine zwar kritische, aber solidarische Position. Diese Bande war in den Jahren 1911 und 1912 aktiv und verübte ihre Taten unter Vorgabe anarchistischer Motive. Im kulturellen Gedächtnis geblieben ist diese Gruppe hauptsächlich dafür, als erste überhaupt ein Auto als Fluchtmittel eingesetzt zu haben.

Von Lou Marin stammt nun das Buch Rirette Maîtrejean. Attentatskritikerin, Anarchafeminstin, Individualanarchistin über die weithin unbekannte Anarchistin. Dass eine deutschsprachige Übersetzung, an der Marin selbst mitgewirkt hat, beim Verlag Graswurzelrevolution erscheinen konnte, trägt hoffentlich dazu bei, dass Rirette Maîtrejean im deutschsprachigen Raum etwas bekannt wird.

Marin und seine Mitübersetzerin Andrea Schärer hätten auch Anne Steiners Biographie Rirette, l’insoumise (Tulle, 2013) übersetzen können. Jedoch wollte Marin mit der Publikation eines eigenen Buches andere thematische Schwerpunkte setzen. Um dies zu verstehen, ist es hilfreich, Autor und Verlag zu kontextualisieren, denn beide haben eine sehr spezifische theoretische Position. Betrachtet mensch Marins Schriften, wie seinen Beitrag Camus gegen Sartre im zweiten Band der von Philippe Kellermann herausgegebenen Begegnungen feindlicher Brüder (Münster 2012), wird klar, dass es ihm ein Anliegen ist, den Philosophen Albert Camus als Anarchisten zu präsentieren. In seinem Buch legt Marin dies dadurch nahe, dass Maîtrejean auf Camus einen grossen Einfluss ausgeübt habe. Obwohl Marin Rirettes feministische Position zur Geltung kommen lässt, reduziert er sie dadurch auf den Typus “Frau, die für einen berühmten Mann wichtig war”.

Verlag und Zeitung Graswurzelrevolution sind pazifistisch orientiert. Das ist der Punkt, an dem sich Verlag und Autor treffen, denn wie der Untertitel der Biographie Attentatskritikerin. Anarchafeministin. Individualanarchistin vermuten lässt, wird Rirette Maîtrejean hauptsächlich als Kritikerin der individualistischen Attentäter, insbesondere der sogenannten Bonnot-Bande dargestellt. Angesichts dessen, dass die individualanarchistischen Attentate im Anarchismus selbst ein kontroverses Thema darstellen und der Anarchismus im Mainstream auch heute noch vor allem mit den “bombenwerfenden Anarchist*innen” assoziiert ist, ist es spannend mehr zu erfahren über eine Anarchistin, die kritische Zeitgenossin dieser Attentate war. Für alle, die über Rirette Maîtrejean gar nichts wissen, ist das Buch daher zu empfehlen.

Marins Buch schwächelt jedoch in Aufbau und Stil. Da ist beispielsweise Marins polemisch verkürzter Versuch, die individualistischen Attentate zu diffarmieren, ohne dabei ausführlich zu argumentieren. So vergleicht Marin in der Einleitung die sog. illegalistischen Attentäter*innen aus dem anarchistischen Milieu libre mit den islamistischen Attentätern, die den Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie hebdo verübten, ohne jedoch darauf näher einzugehen. Selbst wenn diese Vergleiche plausibel sein sollten, wäre es vorteilhafter gewesen, er hätte diese Thematik in einem Exkurs ausführlich behandelt, statt sie im Buch ständig nebenbei mitfliessen zu lassen.
Ein anderer Schwachpunkt besteht darin, dass Marin zu sehr versucht Maîtrejean in das Raster der im Untertitel genannten Positionen zu zwängen und ihren Einfluss auf Camus zu beweisen. Das Prekäre dabei ist, dass Marins Argumentation auf äusserst schwachen Beinen steht. Durch das Buch ziehen sich Eingeständnisse des Autors, dass Quellen und Dokumente fehlen, um seine Thesen und Behauptungen zu stützen – doch unser Autor weiss sich zu helfen und rettet sich immer wieder in den Bereich des Wahrscheinlichen, des zu Vermutenden, des Anzunehmenden:
“Die Themen, ihr [Maîtrejeans] Prozess 1913, Victor Serge, sind bekannt und obwohl keine näheren Aufzeichnungen oder gar Audio-Aufnahmen über ihre intensiven Gespräche existieren, darf davon ausgegangen werden, dass die damals 53jährige, lebens- und bewegungserfahrene Rirette Maîtrejean den anarchismusinteressierten, aber sich noch nicht zu anarchistischen Inhalten und dem libertären Milieu bekennenden Camus [...] in die Ereignisgeschichte des französischen Anarchismus quasi mit eingeführt hat.” Obwohl er selbst zugibt, dass es Dokumente nicht gibt, weiss Marin, dass die Gespräche zwischen Maîtrejean und Camus “intensiv” gewesen sein müssen.
Um die dokumentarische Dürftigkeit zu kompensieren, zieht Marin haarscharfe logische Schlüsse. An einer Stelle erzählt er davon, dass Victor Serge, ein Anarchist, mit dem Maîtrejean zusammen gewesen und später in die Sowjetunion gegangen ist, um mit den Bolschewiki zusammenzuarbeiten, 1919 in einem Artikel der Zeitung L’humanité bezichtigt wurde, ein Polizespitzel zu sein. Maîtrejean und Pierre Ruff, ein Genosse, wollten diese Beleidigung nicht ungestraft auf sich sitzen lassen und betraten das Büro des Autors des verleumderischen Artikels in der Absicht, diesem eine Tracht Prügel zu verpassen. Marin kommentiert: “Dieser Vorfall zeigt den impulsiven Charakter sowohl von Ruff wie von Rirette Maîtrejean unmittelbar nach dem Krieg [gemeint ist der Erste Weltkrieg, Ph. H.]: Rirette Maîtrejean war von ihrem Naturell her also bereit, sich Hals über Kopf in eine Schlägerei zu stürzen, auch auf die Gefahr hin, am Ende selbst verdroschen zu werden – auch aus diesem Grund wäre es falsch, sie trotz ihrer zunehmend bewusster werdenden Gewaltkritik als gewaltfreie Anarchistin zu bezeichnen.” Wie schlechte Germanist*innen zitiert Marin also Quellendokumente und formuliert das Zitierte ein wenig um, so dass der Kommentar nach einem inhaltlich eigenen Beitrag aussieht.
Der Titel des Buches ist zudem irreführend. Zwar bildet das Leben der Anarchistin Rirette Maîtrejean den roten Faden, doch nimmt zum Beispiel im ersten Kapitel die Beschreibung der Bonnot-Bande den meisten Platz ein, im zweiten die Beschreibung des individualanarchistischen Milieu libre sowie anderer Strömungen und im dritten Victor Serge und die Analyse von Camus’ Stück Die Gerechten.
Die Beschreibungen des Milieu libre verbunden mit Rirettes Kritik sind jedoch interessant. Sie ermöglichen die Einsicht, dass bereits in den 1910er-Jahren längst nicht alles anarchistisch war, was sich so schimpfte und in entsprechenden Kontexten unterwegs war und dass sich im Milieu – heute würde mensch von der Szene sprechen – immer eine nicht geringe Zahl an Profiteur*innen und Schmarotzer*innen tummelt, die mit anarchistischen Ideen sehr wenig bis rein gar nichts am Hut haben, aber gerne auf Kosten anderer leben. Dies wird beispielsweise in einem Brief von Serge deutlich, den Marin zitiert: “Ich habe Genossen gekannt, die sich gegenseitig bestohlen haben, sich gegenseitig diffamiert und geschlagen haben wie Gorillas. (…) Ich habe gesehen, wie die freie Liebe zu einer Sauerei geworden ist, wie so viele mutige Jugendliche durch den Illegalismus in kriminelle Machenschaften hinabgestürzt sind und schliesslich im Gefängnis landeten. [...] Die Milieus, in denen das passiert ist, haben solch ein Unglück erzeugt, dass ich nur dazu raten kann, ihnen zu entfliehen, wenn man sie schon nicht zerstören kann.”

Lou Marin: Rirette Maîtrejean. Attentatskritikerin, Anarchafeminstin, Individualanarchistin. Übersetzt von Andre Schärer und Lou Marin. Heidelberg 2016.


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