Lob der Wiederholung (Tribute to Maureen Kägi)

Wiedererkennen und Wiederholen

Eine der wichtigsten Künste besteht heute darin, die Welt nicht nur staunend wahrzunehmen, sondern sie vielmehr in einer Praxis des Wiedererkennens zu erschliessen. Das Erforschen der Welt bedeutet in dieser Hinsicht nicht das Suchen nach dem noch nie Gesehenen, sondern die Suche nach etwas Bekanntem, das verloren ist. Nach dem Wortlaut des englischen Begriffs research, heisst forschen nichts anderes als Wiedersuchen, Wiederentdecken, Wiederholen. Experte zu sein heisst in diesem Sinn die Fähigkeit, etwas präsent zu halten, es nicht preis oder verloren zu geben, sich die Dinge immer wieder von Neuem zu eigen zu machen. Die Grundform der Praxis des Wiedererkennens ist die Wiederholung. Erfinden heisst Wiederfinden.

Wie konnte es soweit kommen, dass wir plötzlich dachten, das Neue könne nur gut sein, wenn es nichts Altes enthalte? Wie konnte es kommen, dass wir plötzlich glaubten, die Wiederholung hindere uns an der Erforschung des Neuen? Alles Neue ist die Transformation des Alten in jenes Neue, das es selbst einmal war. Die Wiederholung ist die Ermöglichung dieser Transformation. Wer der Wiederholung überdrüssig ist oder unfähig dazu, weil er das Neue als Form des Vergessens des Alten missversteht und nicht als Form seiner Variation und Transformation, ist gezwungen, das Alte als Wiederholungszwang zu erleiden. Denn nichts ist erledigt, nur weil es verging. Nur der Faden, den wir selber wieder aufnehmen, wird nicht zum Seil der Verstrickung. In der künstlich veranstalteten Wiederholung versuchen wir daher die immer drohende schicksalshafte Wiederholung umzuwandeln in eine selbstbestimmte Wiederholung. Ihr Gegner ist nicht nur das Vergessen, sondern auch der Automatismus. Der Automatismus ist nicht darauf aus, eine Handlung nochmal zu tun, möglichst genauso wie sie schon einmal getan wurde, sondern er möchte nur, dass etwas nicht aufhöre und zweitens, dass die Singularität sich ganz ohne Zugehörigkeiten verstehen lässt. Die Wiederholung einer Handlung hingegen ermöglicht die Zugehörigkeit einer Singularität zu einer Serie.

Die Wiederholung setzt auch die Idee oder die Vorstellung einer konkreten Sache voraus, die Automatik aber beruht auf reiner Abstraktion. Wir werden als Menschen in dem Augenblick zu lächerlichen Automaten, wo unsere Bewegungen nur noch mechanisch wahrgenommen werden und unsere Verrichtungen des täglichen Lebens nur noch der blossen Reproduktion des Lebens zu dienen scheinen. Wie Henri Bergson in seiner Schrift „Le Rire“ festgestellt hat, liegt im Komischen der Sieg des Mechanischen über Verstand und Vorstellungskraft: „Stellungen, Gebärden und Bewegungen des menschlichen Körpers sind in dem Masse komisch, als uns dieser Körper dabei an einen blossen Mechanismus erinnert.“ Die Phantasie der Automatik ist die innerste Phantasie der totalen, von der Idee befreiten Macht – einer sozialen Kybernetik ohne Rückkoppelungen, ohne Psychologie, ohne Sinnzusammenhang, ohne herkömmliche Authentizität. Sie ist der kühle Horror des Kopierten. Während die Kunst der Wiederholung auf der Ähnlichkeit des zweiten mit dem ersten und des dritten mit dem zweiten Stück usw. besteht, aber zugleich auch immer mit der Differenz rechnet, die sich durch den Charakter der Wiederholung als Variation ergibt, stellt die Automatik reine Identität her zwischen Ursprung und Abbild und also die ewige Wiederkehr des Gleichen.

Die Wiederholung ist niemals eine reine Geste, insofern sie die Idee einer Sache voraussetzt. Wer, wie beispielsweise die Postmoderne, eine Form bloss wiederholt, um ihren Inhalt auszutreiben, muss die Aufmerksamkeit aufgeben zugunsten des Vergessens, muss die Tätigkeit ausüben ohne ihre Aneignung, muss sich auskoppeln aus der sinngebenden Folge von Ähnlichkeiten und Differenzen und einsteigen in die rein formale Identität, die Wiederholung verunmöglicht.

Alles, was existiert, erinnert uns an etwas anderes. Dinge an andere Dinge, Handlungen an andere Handlungen, Gestalten an andere Gestalten. Nur die konzentrierte und immer wieder neu veranstaltete Wiederholung erreicht ein Variationsniveau, das zugleich Ähnlichkeit und Neuheit darstellt.

Die Wiederholbarkeit erst macht den Zufall zu Wissenschaft, das Ereignis zu Erfahrung, die Sonderbarkeit zu Kunst, die Abläufe zu Entscheidungen, das Schicksal zu Biographie, das Arrangement zu einem Werk.


Rolf Bossart, geb. 1970, Dr. theol., ist Publizist, Lehrer für Religionswissenschaft, Psychologie und Pädagogik. Er ist Mitarbeiter beim International Institute of Political Murder und Redaktor bei theoriekritik.ch.

Essays
Kultur
7. Juni 2019

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