Renato Curcio: Das virtuelle Reich. Die Kolonialisierung der Fantasie und die soziale Kontrolle

Facebook, Google und Amazon sind nicht mehr aus unserem Leben wegzudenken, Smartphones, Tablets und Laptops ebenso wenig. Diese neuen digitalen Technologien und die Konzerne, die sie verwalten, leiten und kontrollieren immer mehr Aspekte unseres sozialen Lebens – vom Arbeitsplatz über Beziehungsweisen bis zum Konsum. Diesen Veränderungen spürt in seinem neuen Buch ein Autor nach, von dem man das nicht unbedingt erwarten würde: Renato Curcio war in den 70er Jahren Mitglied der Roten Brigaden in Italien und beteiligte sich an deren bewaffnetem Kampf. Von 1974 bis 1998 saß er im Knast und war während dieser Zeit von technologischen Neuerungen abgeschnitten. Vielleicht ist der im Wiener Verlag Bahoe Books auf Deutsch erschienene Band Das virtuelle Reich. Die Kolonialisierung der Fantasie und die soziale Kontrolle auch Curcios Versuch, die verpassten Entwicklungen aufzuholen.

Doch das Buch ist auch interessant zu lesen. Klug und verständlich zeigt Curcio die Verheißungen und Gefahren des digitalen Kapitalismus auf. Er selbst spricht vom virtuellen Reich, um die «Dimension der Machtverhältnisse offenzulegen». Dieses Reich, der Cyberspace, zeichne sich durch angebliche Transparenz und Kostenlosigkeit aus. Über Social Media könne man seine sozialen Kontakte erweitern und in der Welt des Internets eine zweite Form der Wirklichkeit finden. Die digitale Praxis der Menschen stärke – in den meisten Fällen, ohne dass es diesen Bewusst ist – das virtuelle Reich. Durch Aktivitäten in sozialen Netzwerken und auf Plattformen wird kostenlos und durch freiwillige Arbeit für die BesitzerInnen der Firmen Mehrwert generiert. Das Internet an sich habe dabei, so Curcio «weder die Verhältnisse der kapitalistischen Produktionsweise verändert, noch deren grundsätzliche gesellschaftliche Bedingungen».

Curcios Fokus liegt jedoch nicht auf dem technologischen oder ökonomischen Aspekt dieser Veränderung, sondern auf den repressiven Möglichkeiten, die sich daraus ergeben. Was passiert, wenn mit Facebook eine einzige US-Firma Metadaten von drei bis vier Milliarden Menschen kontrolliert? Für Curcio fällt die Antwort eindeutig aus: Die Daten in den Händen von Staat oder privaten Firmen seien «ein gigantisches Machtinstrument in politischen, militärischen oder Gesundheitsfragen»; das virtuelles Reich sei ein «Paradebeispiel eines Imperiums totalitärer Kontrolle über den Einzelnen».

Doch zeige sich die Herrschaft des virtuellen Reichs nicht nur in Gesichts- und Ortserkennung, durch Datensammeln und Überwachung, sondern auch in der «Kolonialisierung der Fantasie» – die Menschen würden sich mehr und mehr an Likes und Kennzahlen der digitalen Welt orientieren. Der «Wärme» wirklicher, menschlicher Beziehungen stehe die «Kälte» der Online-Beziehungen gegenüber. Die Menschen würden ihr wahres Ich verlieren: «Wir sind die digitalen Gespenster im virtuellen Reich.»

Mit dieser Kritik wird Curcio zum wehmütigen und romantischen linken Kulturkritiker. Dies ist schade, zeigt er sich im ersten Teil des Buches doch als kluger und messerscharfer Analytiker. Dünn fällt dann auch die emanzipatorische Perspektive aus: «Jeder muss sie für sich selbst angehen.» Alleine Verhaltensänderungen und weniger Online-Aktivität werden das virtuelle Reich jedoch nicht stürzen – das müsste Curcio, der sich nie von seinen militanten Aktionen abgegrenzt hat, doch eigentlich selber wissen.

Renato Curcio: Das virtuelle Reich. Die Kolonialisierung der Fantasie und die soziale Kontrolle. Wien. Bahoe Books. 2017. 144 Seiten. 15 Euro.


Christopher Wimmer, geb. 1989, studierte Soziologie, Politikwissenschaften und Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin und an der Universität Wien. Seine wissenschaftlichen Interessen gelten dem Marxismus, der Sozialstrukturanalyse und der Arbeitssoziologie. Derzeit ist er als freier Autor u. a. für die Jungle World und das Neue Deutschland tätig.

Rezensionen
Kultur, Ökonomie
9. Juli 2018

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