Wenn in der Schweiz gebaut wird: Eine Geschichte über ein 10-Millionen-Projekt und die Rolle der Wissenschaft

Wer in der Schweiz grosse Bauprojekte umsetzen will, braucht hierfür die Unterstützung verschiedenster Interessensgruppen. Nicht immer fällt es leicht, sich – als Akteurin oder als Beobachter – im Dschungel möglicher UnterstützerInnen und potentieller GegnerInnen zurechtzufinden. Vielleicht muss man die folgende Geschichte deswegen auch als eine politische Lektion in Sachen Kapitalinteresse, Schweizer Bautätigkeit und kapitalgesteuerter Wissenschaft erzählen.

Durch den Bevölkerungszuwachs verändert sich die Schweiz. Neue Menschen erfordern neue Infrastrukturprojekte und neue VerbraucherInnen benötigen neue Ressourcen, so die einfache Formel der Baulobby. Doch gross angelegte Bauprojekte kennen in der Schweiz zahlreiche potentielle GegnerInnen: Von der Naturschützerin über den Bauernverband bis zur Familienhausbesitzerin kann jeder als potentieller Blockierer die Bühne betreten und ein Projekt zumindest temporär verzögern. Dies stellt die BauherrInnen immer vor die Herausforderung, die zuständige Politik von möglichen Investitionen zu überzeugen. Auf der Seite derjenigen, welche die öffentliche Hand gerne zugunsten neuer Projekte einnehmen wollen, steht unter anderem der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein (SIA). Dieser vertritt als Lobbygruppe rund sechzehntausend Mitglieder aus dem Ingenieur- und Architekturbereich, die von Berufs wegen allesamt auf eine kontinuierliche Bautätigkeit angewiesen sind.

Vor zwei Jahren lancierte der SIA deswegen das öffentlichkeitswirksame Projekt Schweiz 2050.[1] Dieses beschäftigt sich mit der Frage, wie sich eine ganzheitliche Raumstrategie für die Schweiz entwickeln lässt, die der wachsenden Einwohnerschaft zur Jahrhundertmitte gerecht werden kann. Die Schwerpunkte liegen in den Fragen der Urbanisierung, der Personenmobilität und der Energieversorgung. Anhand einer computergesteuerten Simulation der Entwicklung der Region Aarau-Olten sollen in einer ersten Projektphase Elemente der angestrebten Raumstrategie entwickelt werden, die dann bis 2020 geographisch ausgeweitet und verallgemeinert werden können. Gemäss diesen Resultaten sollen der Bund und die Kantone schliesslich ihre zukünftige Infrastrukturpolitik bestimmen.

Der SIA verspricht sich viel vom Projekt, immerhin wird für die strategische Studie ein Budget von 10-12 Millionen Franken veranschlagt. Davon werden rund 1 Million Franken vom SIA selbst zur Verfügung gestellt. Der restliche Betrag soll durch Forschungsstätten, die öffentliche Hand, Stiftungen und privatwirtschaftliche Partner bezahlt werden. Diesbezüglich erkundigte sich der SIA auch schon bei der Economiesuisse und beim Baumeisterverband, ob diese sich als private Vereine nicht auch am Projekt beteiligen wollen. Beim Letzteren wäre es nicht das erste Mal, dass man zusammenspannt. Schon für die vom Bund lancierte Energiestrategie 2050 arbeiteten der Baumeisterverband und der SIA als Partnerverbände des Bundes gemeinsam an einer zukünftigen Infrastrukturpolitik.

Dass der Ingenieur- und Architektenverein darum bemüht ist, unterschiedliche AkteurInnen einzubinden, hat einen einfachen Grund: Dem Interessenverband geht es mit seinem Projekt Schweiz 2050 nicht so sehr darum, was konkret gebaut wird, sondern vielmehr darum, dass überhaupt gebaut wird. Um die Bautätigkeit langfristig anzukurbeln, setzt der SIA auf eine wirksame Öffentlichkeitsarbeit. So soll beispielsweise die Politik von der Infrastrukturerneuerung und den dazu notwendigen Umzonungen überzeugt werden, indem die Bevölkerungsgrösse für das Jahr 2050 stets mit der magischen Zahl 10 Millionen veranschlagt wird. Die zweistellige Zahl erlaubt das Rechnen mit hohen lokalen und regionalen Wachstumszahlen, da sie den Eindruck eines Bevölkerungssprungs erweckt, dem von der Politik Rechnung getragen werden muss. Doch welches Forschungsinstitut mit angesehenem Ruf ist in der Lage, eine solche Studie mit der gewünschten öffentlichen Wirkung durchzuführen?

Urban Think Tank

Szenenwechsel: Seit 2010 führen der Venezolaner Alfredo Brillembourg und der Österreicher Hubert Klumpner gemeinsam den Urban Think Tank an der ETH. „Sie erforschen die Armenviertel der Welt und finden dort kreative Kräfte“ stellte der Tages-Anzeiger die beiden Professoren vor einem Jahr in einem Porträt vor.[2] Tatsächlich beschäftigen sich Brillembourg und Klumpner seit mehreren Jahren mit den Armenvierteln von Marrakesch, Mumbai oder Caracas, der Heimatstadt von Brillembourg. „Unkontrolliert, manchmal chaotisch, aber kreativ“, bezeichnen sie die informellen Strukturen dieser Städte und setzen damit einen Gegenpol zur starren Städteplanung früherer Zeiten, in denen die Armenviertel primär als Hindernis für die wirtschaftliche Entwicklung verstanden wurden.[3]

In ihrer Forschung legen sie besonderen Wert auf die öffentliche Vermittlung ihrer Tätigkeit, was sie in den Grenzbereich von Wissenschaft, Kunst und Architektur führt. Letztes Jahr organisierten sie an der ETH beispielsweise eine Ausstellung zu den aktuellen Problemen und Chancen der neuen Megacities. Darin stellten sie über grosse, an der Decke befestigte Banner unter anderem die Frage nach der Verantwortung der Architektur in Zeiten kapitalistischer Krisen. Durch solche Inszenierungen erscheinen Brillembourg und Klumpner als junge, urbane, alternative und linke Nachwuchsforscher, und das kommt sowohl an den Universitäten als auch in der Öffentlichkeit gut an.

Was sie von den Armenvierteln Lateinamerikas und Asiens gelernt haben, würden Brillembourg und Klumpner am liebsten auch in Schweizer Städten erleben. Daraus ergibt sich manchmal eine markante Nähe zu marktliberalen Vorstellungen: Wenn es in den Städten liberalisierte Bauzonen gäbe, könnte sich dort nicht eine bisher unbekannte Kreativität entfalten, die sich schliesslich wieder städtebaulich reintegrieren liesse? Kann eine solche Kreativität nicht auch ein Wirtschaftsfaktor sein? Mit solchen Fragen liegen sie im Trend und auch das kommt an. Und zwar so gut, dass die ETH im Jahr 2010 kurzerhand beschloss, Brillembourgs und Klumpners Vorläuferprojekt, den in Caracas angesiedelten Urban Think Tank, nach Zürich zu zügeln und an den Lehrstuhl für Architektur und Städtebau anzugliedern. Hierfür wurde derart viel Geld gesprochen, dass der Think Tank bis zu 24 ArchitektInnen und StädteplanerInnen anstellen konnte – die externen MitarbeiterInnen nicht eingerechnet –, was eine beachtliche Anzahl für ein Institut ist, das nur von zwei Professoren betreut wird.

Trotz dieser akademischen Stellung arbeiten Brillembourg und Klumpner unkonventionell. Statt dass dicke Monographien herausgegeben würden, suchen die beiden die Zusammenarbeit mit internationalen Künstlern. Und statt dass theoretische Seminare gehalten würden, widmen sich die beiden der Entwicklung von Kulturprojekten für die Favelas von São Paulo, der Herausgabe von Magazinen für die kritischen urbanen Studierenden oder der Planung einer besseren Erschliessung der Elendsviertel von Caracas. Doch wieso bezahlt die ETH einen Lehrstuhl, dessen Homepage mehr zu einem Grafikbüro passen würde und dessen Projekte hauptsächlich in den südlichen Metropolen angesiedelt sind? Die Antwort liegt in der Öffentlichkeitsarbeit und im strahlenden urbanen Image des Instituts.

Der Urban Think Tank und seine MitarbeiterInnen sind darauf spezialisiert, Informationen und sich selbst öffentlichkeitswirksam zu inszenieren. Hierfür legen sie viel Wert auf die grafische Aufbereitung ihrer inhaltlichen Beiträge. Man könnte daraus den Vorwurf erheben wollen, dass der Professur die visuelle Veranschaulichung wichtiger als die Forschung selbst ist. Doch es wäre schwierig, solche Vorwürfe zu belegen, zu unkonventionell scheint das Forschungsfeld von Brillembourg und Klumpner im Vergleich zu anderen Wissenschaften. So kann dem Lehrstuhl wohl nicht unterstellt werden, dass dort zu wenig wissenschaftlich gearbeitet würde. Vielmehr ist davon auszugehen, dass der Effizienzdruck in der Wissenschaft dazu geführt hat, dass sich akademische Projekte immer besser verkaufen müssen. Vom Urban Think Tank wird dies allenfalls auf die Spitze getrieben, wenn er Wissen praktisch nur noch in grafisch ansprechend aufbereiteter Form mittels öffentlichkeitswirksamer Publikationsmedien verbreitet. Und der Erfolg und die innovative Ausstrahlung des Urban Think Tanks kommen schliesslich sowohl der ETH als auch dem Standort Zürich zugute.

Schweiz 2050

Dennoch ist der Urban Think Tank mit seinem Lehrstuhl darauf angewiesen, Forschungsbeiträge zu publizieren, die sich nicht nur durch ihre Aufmachung auszeichnen. Hierfür kann er auf eine Reihe überaus qualifizierter MitarbeiterInnen zurückgreifen. Eine gute Gelegenheit, sich zu profilieren, ergab sich mit dem Angebot des SIA, einen Teil der Studie Schweiz 2050 durchzuführen; der andere Teil der Studie wird bezeichnenderweise vom Institut Stadt der Gegenwart, geleitet von den beiden Stararchitekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron, durchgeführt. Wie genau es zu diesem Deal kam, lässt sich nicht nachvollziehen. Bekannt ist hingegen, dass der SIA die Grunddaten zur Verfügung stellen wird und der Urban Think Tank daraus ableitend zusammen mit IngenieurInnen des Laboratory for Energy Conversion (LEC) der ETH die Simulationen für den Raum Aarau-Olten durchführen wird. Soweit handelt es sich um einen ganz normalen Auftrag, wie er in der Wissenschaft täglich zustande kommt. Doch die Interessen der beiden Partner legen nahe, dass es um weit mehr geht. Liest man etwa die hauseigenen Publikationen des SIA, dann ergibt sich daraus zwangsläufig ein happiger Vorwurf: Der SIA kauft sich mit seinem Auftrag eine Studie, die belegen soll, dass die Schweiz grössere Infrastrukturprojekte brauche. Als Gegenleistung erhält der Urban Think Tank die Möglichkeit, sich wissenschaftlich mit einem regionalen Projekt auszuzeichnen.

Beweisen lässt sich das Vorliegen einer interessengeleiteten Beeinflussung wissenschaftlicher Resultate freilich nicht. Doch angesichts der jeweiligen Interessenlagen und der möglichen Auswirkungen des SIA-Projekts auf die zukünftige Raumgestaltung – und also auf das Alltagsleben, gesellschaftliche Handlungsspielräume und nicht zuletzt die Natur – handelt es sich um einen brisanten Auftrag, der kritisch hinterfragt werden muss.

Denn tatsächlich sind solche Auftragsstudien in anderen Bereichen längst gang und gäbe, etwa in der Pharmaindustrie, wo Medikamentenstudien mit vergleichbarer Interessenlage durchgeführt werden. Die ETH wehrte sich öffentlich bisher immer vehement gegen Vorwürfe, dass in ihren Räumen eine Verschränkung von Kapital- und Forschungsinteresse bestehe. Doch die Arbeit des Urban Think Tank legt das Gegenteil nahe. Schon bald werden neue AuftraggeberInnen anklopfen und vergleichbare Studien fordern, InteressentInnen gibt es hierfür schliesslich genug; nicht zuletzt in Anbetracht dessen, dass der SIA in seiner Projektankündigung auch das Ziel formulierte, mit der Studie eine internationale Vorreiterrolle einzunehmen. Je mehr Aufträge entstehen, desto mehr Geld und Reputation wird dies dem Urban Think Tank einbringen und desto stärker steigt auch die Ausstrahlung der ETH; freilich ohne dass von der Öffentlichkeit überhaupt noch hinterfragt würde, welche Interessen eigentlich hinter der Städteforschung stehen. Und der Urban Think Tank wird sich auch in Zukunft nicht verantworten müssen. Denn die Vorhersage der Raumentwicklung wird diejenige Bautätigkeit nach sich ziehen, die prophezeit worden ist, und die normative Kraft der räumlichen Realität, die dabei erschaffen wird, wird die Präsuppositionen der simulierten Realität rückwirkend legitimieren.

Aktivismus als Verkaufsstrategie

Dass der Ruf der beiden Professoren und des Urban Think Tank bisher auch in der kritischeren Öffentlichkeit nicht gelitten hat, liegt an einer weiteren Verkaufsstrategie: Brillembourg und Klumpner geben sich nicht nur als Forscher, sondern auch als Aktivisten aus. Mit Referenzen auf Deleuze und Guattari verkaufen sie ihren Think Tank als eine rhizomatische und machtdezentralisierte „design practice“. Sie sind Teil einer selbsternannten linken Forschungscommunity, die mit kritischen Theorieversatzstücken spielt und sich je nach Lust und Laune auch für einzelne aktivistische Projekte einsetzt. Hierauf legen Brillembourg und Klumpner auch in ihren Publikationen wert.

Den bisher grössten wissenschaftlichen Erfolg erzielten die beiden mit der Erforschung der informellen Strukturen des besetzten Centro Financiero Confinanzas in Caracas. Das Hochhaus, auch bekannt unter dem Namen Torre de David, befand sich ab 1990 in Bau, wurde aber aufgrund fehlender Mittel nie fertiggestellt. Infolgedessen wurden die leerstehenden Stockwerke nach und nach besetzt. Brillembourg und Klumpner untersuchten vor einigen Jahren die dabei entstehenden sozialen Strukturen. Im Torre de David fanden sie zahlreiche Innovationsräume vor, die sich im Sinne neuer Wohnmodelle auch für andere Schwellenländer als zukunftsträchtig erweisen könnten. Der innovative Ansatz, in der zugehörigen Publikation Informal Vertical Communities zusammen mit zahlreichen Fotos und Modellen publiziert, fand sowohl in den Feuilletons als auch in Architektur- und Kunstmagazinen als auch in der Wissenschaft Anklang.

Doch es gab auch kritische Stimmen, die in der architektonischen Expertise vor allem eine „verschleierte Taktik zur Erhöhung der Wirtschaftlichkeit“ sahen, wie der Architekt Markus Miessen in seinem Essay Albtraum Partizipation die Arbeit von Brillembourg und Klumpner charakterisiert.[4] Tatsächlich untersuchen die beiden Professoren weniger die politischen Fragen – beispielsweise wie sich der soziale Raum in der Besetzung organisiert –, denn vielmehr die ökonomische Frage, wie der soziale Raum gerade in seinem chaotischen Zustand marktorientierte Makrostrukturen erschafft, die sich später oder an anderen Orten wieder in der Stadt integrieren lassen. Eine solche Kritik passt nicht ins Bild linksaktivistischer Forscher. Werden sie darauf angesprochen, verweisen Brillembourg und Klumpner gerne auf Mächte, die ihre eigene Wirkungskraft übersteigen. So erklärten sie letztes Jahr dem Tages-Anzeiger auf Anfrage, dass die „energiefressende Politik“ des globalen Südens schuld daran sei, dass einzelne Projekte von ihnen nicht richtig umgesetzt werden konnten oder Formen annahmen, die mit ihrem linken Selbstverständnis nicht im Einklang sind.[5] Vielleicht jedoch vermag die „Politik des Südens“ schlicht nicht mit der Innovationsgeschwindigkeit der beiden Professoren mitzuhalten, die mehr in ein neoliberales Reformunternehmen passen würde und so gar nicht machtdezentral funktioniert.

Das systematische Übergehen solcher kritischer Einwände hat sich bisher ausgezahlt. Für ihr Forschungsprojekt in Caracas erhielten Brillembourg und Klumpner 2012 den Goldenen Löwen der Architekturbiennale von Venedig. Zwei Jahre später wurde das von ihnen erforschte Hochhaus geräumt. Eine kleine Anekdote sei hierzu erwähnt: In Auftrag gegeben wurde das nicht fertiggestellte Hochhaus vom Banker und Investor David Brillembourg, der durch den Ölboom der 1970er Jahre reich wurde und mit dem Bauprojekt die Grundlage einer venezolanischen Wallstreet legen wollte. Brillembourg fiel später in den Strudel der venezolanischen Wirtschaftskrise und starb 1993 zusammen mit seinem Bauvorhaben. Wie der Name schon nahelegt, handelt es sich bei dem Unternehmer um einen nahen Verwandten des ETH-Professors Alfredo Brillembourg, dem Entdecker der informellen Strukturen im Torre de David. Nicht dass der Forscher für die Klassenherkunft seiner Familie verantwortlich wäre, doch es sei die Frage erlaubt, ob es in Brillembourgs wissenschaftlicher Praxis nicht eine ideologische Kontinuität zur Klasse gibt, der er entspringt.

Ein vergleichbares Projekt, dessen Resultate im Namen von Brillembourg und Klumpner veröffentlicht wurden, war das zwischen 2002 und 2004 entstandene Caracas Case Project, das unter anderem von der deutschen Bundeskulturstiftung finanziert wurde. Das interdisziplinäre Forschungsprojekt setzte sich mit der informellen Struktur von Caracas auseinander und formulierte die Zielsetzung, mittels künstlerischer und wissenschaftlicher Aufarbeitung den Einfluss und den Veränderungsdruck des informell Chaotischen auf die urbane Realität zu erforschen. Markus Miessen hat dieses Projekt später in einem Interview mit der daran beteiligten Künstlerin Sabine Bitter aufgearbeitet. Bitter beklagt sich dabei darüber, dass das Caracas Case Project schon von Beginn an „wie ein Büro für Städtebau“ konzipiert war. Statt dass „die Repräsentationspolitik des Raumes“ untersucht worden wäre, wie es Bitter in ihrem eigenen dazugehörigen Filmprojekt Living Megastructures als Ziel formulierte, ging es den Projektleitern letztlich um die wirtschaftliche Reproduktion des Urbanen. Bitter erläutert dabei auch die charakteristische Grundproblematik, die den Stadtprojekten von Brillembourg und Klumpner so eigen ist: „Der allgemeine Rahmen des Projektes ist nie als ein soziales Projekt formuliert worden.“ Dies hat zur Folge, dass es nicht um das soziale oder politische Feld geht, sondern vielmehr um eine „marktgerechte Partizipation“.

Neustes Projekt, um die Reihe abenteuerlicher Unternehmen des Urban Think Tanks abzuschliessen, ist das an der diesjährigen Architekturbiennale ausgestellte Projekt „Sarajevo now“. Mit finanzieller Unterstützung der ETH und des Nationalfonds (SNF) kuratieren Brillembourg und Klumpner eine Ausstellung über das historische Museum von Sarajevo. Wieder geht es ihnen vordergründig um die Problemstellung, wie sich in einer Situation der relativen Mittellosigkeit informelle Strukturen etablieren können. Die damit verbundenen legitimen Anliegen – beispielsweise die Fragen, wie Geschichte in Zeiten der entstehenden Geschichte dargestellt werden soll oder wie sich eine Bevölkerung selbst repräsentieren kann – werden aber erneut durchkreuzt, indem es letztlich darum geht, was die Architektur als marktorientierte Praxis aus solchen informellen Situationen für Schlüsse ziehen kann. Daraus entsteht die dem Urban Think Tank so eigene Ästhetisierung der Armut, der jedes Problembewusstsein abhandengekommen ist – etwa in Bezug darauf, was es heisst, Bilder des prekären Urbanen an einer Kunst- oder Architekturbiennale zu reproduzieren. Gesponsert wird das Projekt im Übrigen durch das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO), den Lichthersteller Zumtobel, den Textilhersteller Création Baumann und den Technologiekonzern Georg Fischer AG.[6] Eine bemerkenswerte Liste, wenn man bedenkt, dass die ETH noch immer felsenfest davon überzeugt ist, dass Drittmittel keinen Einfluss auf die Forschung nehmen.

Stadtentwicklung und ihre Erforschung

Brillembourg und Klumpner sind keine Ausnahmen, sondern Beispiele für ExponentInnen einer sich selbst als links verortenden Forschungsgemeinschaft, welche die Selbstvermarktung und Ästhetisierung von Forschungsbeiträgen als Verkaufsstrategie und Möglichkeit zur Generierung von Drittmitteln entdeckt hat. Letzteres ist Teil des akademischen Spiels im Kapitalismus; deswegen ist es auch kein Zufall, dass solche WissenschaftlerInnen ein weiteres gemeinsames Erkennungsmerkmal besitzen: Kritische TheoretikerInnen sind Referenzpunkte der wissenschaftlichen Erkenntnissuche, aber nur dann, wenn es nicht um die eigene Praxis geht. Sobald diese tangiert wird, befinden sich die linken ProfessorInnen rasch näher an der Politik einer Economiesuisse als an der eklektisch verwerteten linken Theorie; was sich in der Regel sowohl in den Arbeitsverhältnissen am eigenen Institut als auch in der ideologischen Reproduktion herrschender Zustände zeigt. Der einzige Unterschied von Brillembourg und Klumpner zu anderen VertreterInnen ihres Berufsstands liegt darin, dass die beiden durch ihre Verbindungen zur Bauwirtschaft gegenwärtig weit mehr Einfluss auf die Entwicklung der Schweiz haben, als die meisten ProtagonistInnen etwa der Geisteswissenschaften es sich je erträumen könnten.

Dennoch sind solche Beobachtungen bezüglich Stadtpolitik und ihrer wissenschaftlichen Erforschung noch expliziter zu formulieren. So ist Stadtentwicklung seit Jahren ein gern gewähltes Thema von Dissertationen, Abschlussarbeiten und Forschungszusammenhängen. Was erst als erhoffte Symbiose zwischen Aktivismus und Forschung in Erscheinung tritt, drängt jedoch in erschreckender Regelmässigkeit nach einigen Jahren Forschungstätigkeit zurück in den Schoss bürgerlicher Herrschaftsansprüche oder stellt sich gar, wie das Beispiel des Urban Think Tanks zeigt, in den Dienst des Kapitalinteresses. Wie mit dem Widerspruch zwischen einem durchaus berechtigten Wunsch, sich akademisch dem Thema Stadt zu widmen, und den sich wiederholenden politischen Entwicklungen innerhalb dieses Forschungsfeldes umzugehen ist, bleibt eine offene Frage linker Wissenschaftsansprüche.


[1] Alle publizierten Informationen zum Projekt Schweiz 2050 sind auf der Website des SIA zu finden: http://www.sia.ch/de/themen/httpwwwsiachdethemenraumplanung/die-schweiz-2050/.

[2] http://www.tagesanzeiger.ch/wissen/technik/Caracas-ist-ueberall/story/13497226.

[3] Ebd.

[4] Miessen, Markus: Albtraum Partizipation. Berlin 2012.

[5] http://www.tagesanzeiger.ch/wissen/technik/Caracas-ist-ueberall/story/13497226.

[6] http://www.reactivate-sarajevo.com/#sponsors.


Otto B. Feige, geb. 1988, ist Aktivist, studiert das soziale Ganze und partizipiert daran als teilnehmender Beobachter.

Diskussion
Ökonomie, Politik
4. Dezember 2016

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