Neue Kämpfe um die Zeit. Zu den arbeitszeitpolitischen Debatten bei deutschen Gewerkschaften

Kämpfe um Zeit sind ein bedeutendes Thema in der Geschichte kapitalistischer Gesellschaften. Für Gewerkschaften als der Vertretung der abhängig Beschäftigten war und ist Zeitpolitik neben Forderungen nach Entlohnung ein zentrales Feld der Auseinandersetzung. Aktuelle gewerkschaftliche Zeitpolitik kann nur im Rahmen der jeweiligen historisch-ökonomischen Verhältnisse verstanden werden, da sie an jene gekoppelt ist. Sie wandelt sich mit den verschiedenen Ausprägungen von gesellschaftlicher Produktion und Reproduktion. Um zu verstehen, warum, wann und welche Forderungen erhoben worden sind, ist die Kenntnis der gesamtgesellschaftlichen Umstände sinnvoll. Verschiedene Arbeiten beschäftigten sich bereits mit unterschiedlichen Formen gewerkschaftlicher Zeitpolitik (Bogedan et al. 2015, Steinrücke et al. 2001; Schwitzer et al. 2010). An diese Analysen anschliessend sollen hier unterschiedliche Produktionsverhältnisse und Zeitpolitiken der Gewerkschaften in der Bundesrepublik beschrieben werden. Der Fokus liegt dabei auf den grössten Einzelgewerkschaften Deutschlands, IG Metall und ver.di, da sich beide aktuell mit Arbeitszeit als zentralem Element gewerkschaftlicher Zeitpolitik beschäftigten. Auf Grundlage der Bestandsaufnahme der aktuellen Forschung werden zum Schluss zeitpolitische Implikationen für die Gewerkschaften entwickelt und ein Ausblick gegeben, wie eine zukünftige gewerkschaftliche Zeitpolitik zu gestalten ist.

Produktionsverhältnisse im Wandel und gewerkschaftliche Reaktionen

Ausgangspunkt der Analyse bildet der Fordismus mit dem für ihn zentralen Normalarbeitsverhältnis (NAV) als herrschendes Produktionsverhältnis in der BRD nach dem zweiten Weltkrieg. Dafür kennzeichnend war die Fokussierung auf industrielle Produktion, die sich durch feste und sichere Arbeitsformen und -zeiten auszeichnete und starre betriebliche Hierarchien herausbildete. Das NAV (Mückenberger 1985) war tariflich abgesichert, sozialversicherungspflichtig, unbefristet und sah geregelte Arbeitszeiten vor. Betriebe zeichneten sich durch eine grosse männliche Kernbelegschaft aus, die mit ihrem Lohn als Haupternährer auch noch ihre Familien versorgen konnten. Gerahmt war dieses Verhältnis von sozialen Regelungen, Absicherungen und einem korporatistischen Sozialstaat. Gerade auch aus geschlechtlicher Perspektive, aber auch für Menschen mit keiner oder schlechter Ausbildung oder Migrant_innen, führte das NAV immer auch zu Ausschlüssen. Das NAV forderte eine geschlechtliche Teilung von Erwerbs- und Sorgearbeit. Abweichungen gegen diese heteronormative Unterscheidung zwischen Produktion und Reproduktion wurden sanktioniert. Das NAV war ein Ausdruck des Industriekapitalismus (Castel 2011) mitsamt dessen symbolischer Geschlechterordnung (Bourdieu 2012). Die Gewerkschaften passten sich dieser Formation an. Denn es war für sie relativ leicht, in den männlich geprägten Grossbetrieben hohe Organisationsgrade von durchschnittlich über 30 Prozent zu erreichen (vgl.: DGB 2006: 2f.) und konstant neue Mitglieder zu werben.

Seit den 1990er Jahren nimmt der Einfluss von Globalisierung, Internationalisierung und Digitalisierung stetig zu. Massenarbeitslosigkeit führte zu verstärktem Konkurrenzdruck und Wettbewerb. Flexibilisierung und Individualisierung sind die wissenschaftlichen Schlagworte, unter denen die heute noch wirkmächtigen Veränderungen verhandelt werden. Das Prinzip der Sozialpartnerschaft, das dem bisherigen Model zugrunde lag, wird verringert. Unternehmensziele, die sich am Finanzmarkt orientieren, gewinnen an Legitimität. Die materielle Produktion geht weiter zurück, der Anteil des tertiären Sektors steigt an und das NAV ist immer weiter auf dem Rückzug (Keller/Seifert 2013). Die Gewerkschaften mussten und müssen in dieser Phase mit erheblichen Mitgliederverlusten kämpfen: Grosse Industriebetriebe mit starker gewerkschaftlicher Organisation verschwinden und neue Branchen entstehen, in denen die Gewerkschaften (noch) nicht Fuss gefasst haben. Aktuell versuchen die Gewerkschaften neue Gruppen anzusprechen und die alte Belegschaft zu halten. Insgesamt «gibt es heute mehr Ältere im Arbeitsmarkt, mehr Frauen und mehr Migranten». Die bunteren Belegschaften führen zu einer «grösseren Interessensheterogenität» (Bogedan 2015: 36), auf welche die Gewerkschaften reagieren müssen.

Arbeitszeit heute

Mit dieser Diversifizierung der Arbeitsgestaltung veränderten sich auch die Arbeitszeitformen. Der DGB-Index Gute Arbeit beschäftigte sich 2014 als Schwerpunkt mit der Thematik Arbeitszeitgestaltung. 5823 abhängig Beschäftigte wurden in einer Repräsentativbefragung zu Einkommen, Sicherheit, vor allem aber zu Einflussmöglichkeiten und Verlässlichkeit der Arbeitsverträge in Bezug auf die Arbeitszeit befragt (DGB 2014). Das Ergebnis: Rund 75 Prozent der Beschäftigten arbeiten Vollzeit (35 oder mehr Stunden pro Woche). Die durchschnittlich geleistete Wochenarbeitszeit nimmt jedoch ab. Zwischen 1992 und 2012 sank sie um 6,8 Prozent von 38,1 auf 35,5 Stunden. Dies ist allerdings grösstenteils auf den starken Anstieg der Teilzeitarbeit zurückzuführen. Der Anteil derselben liegt laut Befragung bei 27 Prozent und in diesem Bereich sind überwiegend Frauen beschäftigt. Deren Teilzeitquote beträgt 52,4 Prozent, nur etwa sieben Prozent ihrer männlichen Kollegen arbeiten 35 oder weniger Stunden pro Woche.

Männer arbeiten durchschnittlich 39,8 Stunden pro Woche, Frauen 30,5. Die Differenz in Deutschland ist eine der grössten in Europa. Hierdurch werden geschlechtsspezifische Pfadabhängigkeit (wie Nachteile beim Einkommen, Arbeitsbedingungen etc.) verstetigt. Vergleicht man die tatsächlich geleistete Arbeitszeit mit der vertraglich geregelten Zeit, zeigt sich, dass die deutliche Mehrheit der Beschäftigten (59 Prozent) länger arbeitet, als es im Vertrag festgeschrieben ist.

Für die weitere Betrachtung kann man diese Ergebnisse folgendermassen zusammenfassen: «Vollarbeitszeit ist das prägende arbeitszeitpolitische Leitbild. Allerdings arbeiten neben den 24,5 Millionen Menschen in Vollzeit auch 14,8 Millionen in Teilzeit. […] Die tatsächliche Arbeitszeit liegt in der Regel über der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit. Die gewünschte Arbeitszeit liegt unter der heutigen Vollzeitnorm» (Bogedan et al. 2015: 20). Teilzeitbeschäftigte Frauen befürworten längere, vollzeitbeschäftigte Männer und Frauen kürzere Arbeitszeiten.

Gewerkschaftliche Arbeitszeitdebatten

Diese Veränderungen der Arbeitszeit und die damit verbundenen betrieblichen Rahmungen beschäftigten auch die Gewerkschaften. Dort wurden Anfang des Jahrtausends wieder verstärkt konkrete Debatten zum Thema Arbeitszeit geführt. Als Beispiele dienen hier die beiden grössten deutschen Gewerkschaften IG Metall und ver.di. Auch im DGB wird Zeitpolitik betrieben (DGB 2011; 2013). Als Dachverband ist er jedoch nicht für Tarifpolitik und konkrete Arbeit in den Betrieben zuständig.

Für die IG Metall war es nach dem 2003 verlorenen Kampf um die 35-Stunden-Woche in der Metall- und Elektroindustrie in Ostdeutschland besonders schwierig, das Thema Arbeitszeit und im besonderen Arbeitszeitverkürzung neu zu diskutieren. Erst 2010 folgte die Kampagne «Zeit, das wir was drehen» (IG Metall 2010). Dort wurde gefordert, die Qualifizierung der Arbeitnehmer_innen auszubauen und die Verkürzung der Arbeitszeit im Lebensverlauf voranzubringen.

Ver.di startete 2003 die Initiative «Nimm dir die Zeit», die 2001 auf ihrem Gründungskongress beschlossen worden war. Der Ansatzpunkt war neben individuellen und betrieblichen Bedürfnissen auch, «ein umfassendes, gesellschaftliches, politisches und kulturelles Konzept» (Sterckel 2004: 80) zu entwickeln. Debatten um Arbeitszeit sollten geschlechterdemokratisch, an Biographien orientiert, gesundheitsschützend, qualifikationsfördernd, beschäftigungssichernd sowie beteiligungs- und prozessorientiert sein. Aufgrund der grossen Heterogenität der Berufsgruppen und Interessen, die ver.di vertritt, stand die Initiative bald vor vielfältigen Problemen. Die Besonderheiten der einzelnen Fachgruppen mussten «analysiert, Unterschiede identifiziert und branchenübergreifende, verallgemeinerungsfähige Ansatzpunkte für die gemeinsame Initiative herausgestellt» (Sterkel/ Wiedemuth 2007: 218) werden. Die Initiativen von IG Metall und ver.di teilten beide das Schicksal, dass sie relativ kurzlebig waren und für konkretes Gewerkschaftshandeln nicht die nötige Tiefenwirkung ausstrahlen konnten.

Nach der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise diente die Zeitpolitik der deutschen Gewerkschaften vorrangig dem Ziel der Beschäftigungssicherung. Durch Arbeitszeitverkürzung in Form von Kurzarbeit konnte Massenarbeitslosigkeit verhindert werden (Lehndorff 2010). Das «deutsche Beschäftigungswunder» war durchaus auch ein gewerkschaftlicher Erfolg. Jedoch muss die Kurzarbeit als – gleichwohl kluge – strategische Reaktion auf die konkrete Herausforderung der Krise angesehen werden, sie war nicht in einen grösseren theoretischen Rahmen eingebettet.

Aktueller Stand der Debatte um Arbeitszeit

2014/2015 wurde das Thema Arbeitszeit sowohl in Politik als auch in Zivilgesellschaft und Wissenschaft wieder stärker diskutiert. Hartmut Seifert sprach gar von einer «Renaissance der Arbeitszeitpolitik» (Seifert 2014). Das Herbstforum des WSI 2014 stand unter dem Titel «Arbeitszeiten der Zukunft: selbstbestimmt, geschlechtergerecht, nachhaltig!». Dort wurden Debatten über eine künftige moderne Arbeitszeitpolitik geführt. Ebenso erschien 2014 die stark beachteten Publikationen «Arbeitszeiten in Deutschland» (Absenger et al. 2014) und der DGB-Index Gute Arbeit mit dem Schwerpunkt «Arbeitszeitgestaltung» (DGB 2014). Der Bundestag diskutierte 2014 in erster Lesung  den Antrag der Grossen Koalition «Mehr Zeitsouveränität – Neue Wege für gleiche Chancen von Frauen und Männern». Auch wenn der Text in seinen Forderungen sehr allgemeinen bleibt, zeigt sich, dass das Thema Arbeits- und Lebenszeit auch in der Legislative angekommen ist. Die Bundestagsfraktion der SPD debattiert aktuell im Rahmen eines Projekts mit dem Titel «Neue Zeiten – Arbeits- und Lebensformen im Wandel» und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN veranstalteten im Herbst 2015 einen Kongress zu Zeitpolitik mit dem Namen «Raus aus dem Hamsterrad». Ebenso bearbeiten politische Stiftungen (vgl. Seifert 2014; Deitje/Stamm/Wilde 2014; Heinrich-Böll-Stiftung 2015) sowie weitere Organisationen der Zivilgesellschaft (Frauenrat 2015; DGB 2011; 2013) aktuell die Thematik.

In diesem Diskurs, der sich eher um kürzere Arbeitszeiten drehte, forderten im Mai 2015 Arbeitgebervertreter, den Acht-Stunden-Tag aus dem Arbeitszeitgesetz zu streichen und durch eine wöchentliche Höchstarbeitszeit zu ersetzen (BDA 2015). Die Gewerkschaften widersprachen dieser Forderung leidenschaftlich. Auch hier sind es wieder die grossen Gewerkschaften IG Metall und ver.di, die sich explizit mit der Thematik beschäftigten. Beide behandelten die Arbeitszeit auf ihren Gewerkschaftstagen 2015 zentral.

Die Diskussion um Arbeitszeit vor dem IG-Metall-Gewerkschaftstag 2015 war gerahmt von verschiedenen Debattenbeiträgen, welche auf der grossen Beschäftigtenumfrage der IG Metall von 2013 fussten, in der rund 500000 Beschäftigte befragt wurden (IG Metall 2013). In seinem «Zukunftsreferat» beim Kongress fasste der Vorsitzende der IG Metall Jörg Hoffmann die Debatte so zusammen und stellte die arbeitszeitpolitische Gretchenfrage:

«Arbeitszeitpolitik ist ein Kern gewerkschaftlichen Handelns. Sie berührt fast alle unsere Politikfelder. […]  Wir dachten lange, mit der 35-Stunden-Woche hätten wir das perfekte Mittel gefunden, all diesen Ansprüchen gerecht zu werden. […] Wir müssen aber auch feststellen, dass sich die 35-Stunden-Woche in der praktischen Anwendung in unserem Organisationsbereich vielfältig entwickelt hat. […] Deshalb ist die Zeit reif für einen Neustart. Wir alle müssen ehrlich die Frage beantworten: Wie hältst Du es mit der Arbeitszeit? Ich möchte, dass wir unsere Anliegen und Botschaften zur Neujustierung der Arbeitszeit in einer bundesweiten Kampagne bündeln und in die Betriebe tragen. Und das sage ich sehr unbescheiden: Diese Arbeitszeitkampagne zielt auf nicht weniger als auf die Rückgewinnung der gewerkschaftlichen und der persönlichen Souveränität im Umgang mit der Zeit.» (IG Metall 2015: 16f.)

Im Leitantrag «Neue Arbeitszeitpolitik» beschloss die Gewerkschaft eine «mittelfristig und offensiv angelegte […] Kampagne zur Arbeitszeitpolitik» (IG Metall 2015a: 175). Zwar wurden dort viele Forderungen und Themenbereiche angesprochen, eine einheitliche Strategie oder Zielsetzung ist allerdings noch nicht erkennbar. Vielleicht bietet diese Offenheit aber eine Chance für die kommende Kampagne. Gleichzeitig besteht auch hier die Gefahr der fehlenden Implementierung der Beschlüsse.

Auch bei ver.di wurde im Vorlauf auf den Bundeskongress in Leipzig 2015 eine Umfrage unter Bundes- und Landesfachbereichen, Fach- und Personalgruppen sowie Landesbezirksleitungen durchgeführt, die sich mit Arbeitszeitverkürzung beschäftigte. Das Ergebnis war, «dass kollektive Arbeitszeitverkürzung in der klassischen Form derzeit tarifpolitisch nicht als mobilisierungsfähig angesehen wird» (Wiedemuth/Skrabs 2015: 40). Für einen Beschluss auf dem Bundeskongress musste diese Forderung modifiziert und erweitert werden. Im «Leitantrag A108» des Gewerkschaftsrats wurde somit als neues Leitbild die «kurze Vollzeit bei vollem Lohn- und Personalausgleich» beschlossen. Hiermit ist ein «einheitliches Arbeitszeitgestaltungskonzept [gemeint, dass] auch den Teilzeitbeschäftigten einen grösseren Einfluss auf ihre Zeitgestaltung» (ver.di 2015: 29) ermöglicht. Grundsätzlich geht es darum, die Arbeitszeit von Vollzeitbeschäftigten so zu senken, dass die Arbeitszeit von Teilzeitbeschäftigten steigen kann. «Es handelt sich also um eine solidarische Arbeitszeitpolitik für Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigte. Die differenzierten Zeitinteressen beider Beschäftigungsgruppen werden berücksichtigt» (ebd.).

An dieses Modell schliessen der Leiter der tarifpolitischen Grundsatzabteilung, Jörg Wiedemuth, und seine Kollegin Sylvia Skrabs an und arbeiteten parallel zu den Vorbereitungen auf den Kongress konkrete Anstösse für die zukünftige Arbeitszeitpolitik von ver.di aus. Trotz der unterschiedlichen Bereiche, die ver.di vertritt, soll «ein einheitliches Verkürzungsvolumen» (Wiedemuth/Skrabs 2015: 41) definiert werden. Dieses soll sich am Leitbild der «kurzen Vollzeit» orientieren und eine Arbeitszeitverkürzung von 14 Arbeitstagen pro Kalenderjahr enthalten. Damit könnte «an die verschiedenen Lebenssituationen und Herausforderungen der Beschäftigten» (ebd.) angeknüpft werden. Der scheinbare Widerspruch zwischen kollektiver Regelung und individuellen Erwerbsläufen könnte damit abgehoben werden: Über die kollektiv geregelten 14 Tage weniger kann individuell im Jahresverlauf verfügt werden. Die Wahl zwischen verschiedenen Gestaltungsoptionen (ganze freie Tage, Freizeitblöcke, Wochenarbeitszeitverkürzung etc.) wäre ein Ausdruck wachsender Zeitsouveränität der Beschäftigten sowie der Anerkennung der Heterogenität der ver.di-Basis. Dieser Vorschlag der Reduzierung der Jahresarbeitszeit – für Vollzeit- wie Teilzeitarbeitende gleichzeitig – war seit langem das erste komplett ausgearbeitete gewerkschaftliche Konzept zum Thema Arbeitszeit. Aufgrund der kurzen Vorbereitungszeit für den Kongress wurde es dort nicht behandelt, soll aber in die zukünftigen Debatten bei ver.di einfliessen.

Beide Vorstösse der Gewerkschaften zeigen in vielen Punkten ein Umdenken. Zum einen wurde die Basis von Anfang an in den Prozess einbezogen und zum anderen werden veränderten Produktionsverhältnissen Rechnung getragen, indem versucht wird, individuelle Bedürfnisse von Beschäftigten und kollektive Sicherungsmassnahmen miteinander zu vereinen. Hieraus ergibt sich für beide Gewerkschaften die Chance, neue Gruppen anzusprechen, verschiedene Interessen unter dem Dach der Gewerkschaften zu vereinen und dadurch nicht nur die Sphäre der Arbeit, sondern das «Ganze Leben» in den Blick zu nehmen.

Vorschläge für alternative Zeitpolitik der Gewerkschaften

Die beschriebenen gesellschaftlichen und zeitpolitischen Veränderungen haben für die Gewerkschaften strategische als auch theoretische Bedeutung: Strategisch, um die Anzahl weiblicher Mitglieder zu erhöhen, denn das «Festhalten am bisherigen Zeitregime würde auf Dauer den Charakter der Gewerkschaften als Männerbund festschreiben, für Frauen wären sie unattraktiv» (Geissler 2001: 155). Theoretisch, weil dadurch klar wird, dass Arbeitszeit und Leben, Produktion und Reproduktion unmittelbar verschränkt sind.

Dies alles hat weitreichende Bedeutung für zukünftige Gewerkschaftsarbeit: Erneuerte Arbeitszeitpolitik bedarf neuer Organisierungs- und Beteiligungsformen. Damit zusammenhängend braucht es neue Leitbilder über Arbeit und Zeit und Diskussionen, wie «Elemente des guten Lebens, die nicht unmittelbar an Erwerbsarbeit gebunden sind, zu stärken» (Hildebrandt 2001: 117) sind. Frigga Haug (2008) bietet mit der «Vier-in-einem-Perspektive» ein aktuelles Angebot an. Hier geht es um die gleichwertige Anordnung der vier Tätigkeitsbereiche Erwerbsarbeit, Reproduktion, Kultur und Politik und damit um eine Aufwertung bisher unbezahlter Arbeit, mehr Selbstbestimmung über die eigene Zeit sowie Arbeitszeitverkürzung.Die Kombination von Arbeitszeitverkürzung und stärkerer Anerkennung reproduktiver Tätigkeiten berührt Geschlechter- und Produktionsverhältnisse gleichermassen und steht «der Logik kapitalistischer Modernisierung im Weg – viel mehr als jede noch so hohe Lohnforderung» (Auer et al. 1990: 75). So verstanden ist Zeitpolitik von Gewerkschaften mit vielfältigen Formen von Arbeitszeitverkürzung «die Grundbedingung für alle möglichen Erweiterungen des Betätigungsspielraums lebendiger Arbeitskraft» (Negt 1987: 78) und ermöglicht Lern- und Veränderungsprozesse der Subjekte (ebd.: 36).

Forderungen nach kollektiver Arbeitszeitverkürzung müssen individuelle Bedürfnisse nach «Zeitwohlstand» (Sterkel/Wiedemuth 2007: 219) und das Recht auf die eigene Zeit mitdenken. Wenn es gewerkschaftliche Zeitpolitik schafft, diese beiden Ebenen, also individuellen Zeitwohlstand mit gesamtgesellschaftlicher Verkürzung der Arbeitszeit und vielfältigen Formen der Arbeitszeitgestaltung zu verbinden, kann sie erfolgreich sein. Wird Zeitpolitik von den Gewerkschaften als umfassendes Projekt kommuniziert, kann sie daraus ein hegemoniales und wirkmächtiges Projekt werden. Unter dem Dach gewerkschaftlicher Zeitpolitik könnten sich klassische Probleme der Industriegesellschaft, aber auch von Dienstleistungsberufen zusammenfassen und verbinden lassen. Wenn diese Vereinigung klappt, rührt alternative und erneuerte Zeitpolitik der Gewerkschaften

«an Grundausstattungen der bestehenden Herrschaftsordnung […]. Der Kampf um Arbeitszeitverkürzung ist ein politischer Kampf […]. Gewerkschaften, die sich auf diesen Kampf ernsthaft einlassen und ihn erfolgreich führen wollen, werden langfristig gezwungen sein, das politische Spektrum ihrer Kampfformen wesentlich zu erweitern.» (Negt 1987: 19)

Es ist also entscheidend, Diskussionen um Zeit aus der ökonomischen Verengung herausholen und Zeitpolitik als kapitalismuskritische Gesellschaftspolitik zu verstehen, die das «Ganze Leben», also auch Fragen von Freizeit, Familiengestaltung oder Geschlechterbeziehungen radikal betrifft und verändern will. Radikal verstanden als das Problem an der Wurzel fassend.


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Christopher Wimmer, geb. 1989, studierte Soziologie, Politikwissenschaften und Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin und an der Universität Wien. Seine wissenschaftlichen Interessen gelten dem Marxismus, der Sozialstrukturanalyse und der Arbeitssoziologie. Derzeit ist er als freier Autor u. a. für die Jungle World und das Neue Deutschland tätig.




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