Die schlafenden Hunde von Chile

Ich habe noch nie so viele schlafende Hunde gesehen wie in Chile. Sie schlafen auf Strassen und Plätzen in der Hauptstadt Santiago de Chile, in Valparaiso, Viña del Mar und Concón am Pazifik, in San Pedro und Calama in der Atacama Wüste, in Castro und Conchi auf der Insel Chiloé, in Punto Arenas und Puerto Natales in Patagonien und selbst in Porvenir auf Feuerland, wo man sich auch im Sommer nach weniger windreichen und wärmeren Gegenden zurücksehnt, wenn man nicht als Pinguin geboren ist oder wie die Ureinwohner über Felle verfügt, die man ihnen im Verlaufe der Kolonisierung über die abgeschnittenen Ohren gezogen hat. Bezahlt wurde in Stückpreisen pro abgeschnittenes Ohr der erlegten «Schafdiebe».

Die schlafenden Hunde sind für mich zu einem Sinnbild für eine Erinnerungskultur geworden, mit der sich einfache Leute – ich habe in Chile aus Zeitgründen keine komplizierten Leute getroffen – nach dem Vernichtungskrieg von Pinochet und seinen Schergen immer noch schwertun, so dass sie selbst der heutigen Staatspräsidentin Michelle Bachelet nicht ganz trauen. Sie hat in ihrer ersten Amtszeit in Santiago das Museum der Erinnerung und der Menschenrechte eingeweiht. Was ich dort gesehen habe, hat mich zutiefst erschüttert. Aber die einfachen Leute gehen ja nicht ins Museum, um über ihre Angehörigen und Freunde zu trauern.

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Es hat mich immer wieder berührt, wie liebevoll die Leute mit ihren schlafenden Hunden umgehen. Und ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, dass diese, die allen und niemandem gehören, die kollektive Trauer eines Volks verkörpern, das man als erstes in der neoliberalen Konterrevolution verheizt hat. Die Demokratie in Chile, die 1973 mit Allendes Volksfront an Realität gewann, musste, so Pinochet, in ihrem eigenen Blut gebadet werden, um ein Exempel zu statuieren, das keine Missverständnisse mehr darüber aufkommen liess, was mit dieser von der CIA unterstützten Konterrevolution gemeint war. Diese hat sich inzwischen inmitten der wie Pilze aus dem Boden geschossenen Glaspaläste von «Sanhatten» mit dem höchsten Tower von ganz Lateinamerika ihr eigenes Denkmal gesetzt.

Neben der grössten Kupfermine der Welt, die auch unter dem Pinochet-Regime in Staatseigentum geblieben ist, den für den Tourismus erschlossenen Nationalparks sowie städtischen Grünanlagen, Museen und Kirchen gibt es in Chile ausser den schlafenden Hunden kaum mehr etwas, das nicht privatisiert worden ist. Selbst für die Benutzung von Strassen, die mit öffentlichen Geldern gebaut worden sind, müssen die Leute Gebühren entrichten, nachdem sie an Private verkauft worden sind.

Die schlafenden Hunde tragen kein Halsband, an dem man eine Leine befestigen könnte. Es gibt sie hier wie anderswo auch, die registrierten Hunde mit schmucken Halsbändern, die brav neben ihren Herrschaften an der Leine dahertrotten; oder auch Schosshündchen, die keck aus den Designertaschen herausschauen, die von modisch gekleideten Damen mitgetragen werden. Neben gepflegten weissen, braunen und schwarzen Pudeln, cognacfarbigen Königspudeln, gestylten Jagdhunden, Terriers und Collies aller Arten, Windhunden, Doggen und was auch immer – sogar ab und zu ein Bernhardiner ist zu sehen –, gibt es auch Blindenhunde, Drogenhunde, Polizeihunde und auch sehr, sehr viele Wachhunde, die das Leid ihrer Gefangenschaft besonders kräftig hinter den Gittern der Villen mit oder ohne Swimmingpool in den Himmel über den Kordilleren hinausbellen. Dieser Himmel nimmt vor allem bei Sonnenuntergang über der Hauptstadt manchmal eine dermassen intensive orange-rot-braun-blau-violette Farbe an, dass man ob der überwältigenden Schönheit dieses Farbenspiels für einen Moment lang vergisst, dass dieses dem Smog zu verdanken ist. Dadurch wird die Lebensqualität, die für Millionen von Menschen ohnehin nicht besonders hoch ist, vor allem zur Winterszeit in einem erheblichen Mass zusätzlich beeinträchtigt.

Ich kann mir vorstellen, dass es in den schneebedeckten Anden, die an schönen Sommertagen die Menschen in der Hauptstadt aus der Ferne grüssen, auch Lawinenhunde gibt. Es ist mir nämlich aufgefallen, dass vor allem in Patagonien zur Grenze nach Argentinien hin viele Jugendliche mit Skiern und Snowboards unterwegs sind, um ihrem Vergnügen zu frönen. Die meisten davon sind Touristen aus aller Welt, die sich in Kleidung, Ausrüstung und Konsumverhalten kaum von jenen unterscheiden, die auch auf den Schneehängen in unseren Alpen vielfach ausserhalb der markierten Pisten ihre riskanten Touren und halsbrecherischen Fahrten im Tiefschnee unternehmen.

Aber auch um diese Lawinenhunde geht es mir hier nicht und auch nicht um die Pumas, Säbelzahntiger und all die hunde- und katzenartigen Fabeltiere in ihren Höhlen, von denen Sagen rund um die schneebedeckten Gipfel der Anden erzählen. Es geht mir hier vielmehr um die unübersehbaren hundsgewöhnlichen Hunde, die zumeist schlafend auf öffentlichen Plätzen, in Parks und entlang der Strassen anzutreffen sind. Natürlich schlafen diese auch tagsüber nicht immer, und einige davon haben es sich nicht nehmen lassen, uns jeweils zu begleiten, wenn wir auf unseren ausgiebigen Exkursionen in den Barrios unterwegs waren, in die sich ansonsten kaum Touristen verirren. Unser Weg hat sich gelegentlich mit dem einer Gruppe von Kindern gekreuzt, die ebenfalls in Begleitung einer stattlichen Anzahl von Hunden daherkamen.

In einem der übrigens ausserordentlich gut gepflegten Parks mitten in Santiago, der von schlafenden Hunden und Liebespaaren im Schatten der Bäume geradezu übersät war, habe ich beobachtet, wie einer und dann auch andere dieser Hunde plötzlich hellwach waren und einen alten Mann angebellt haben, der an seinem Stock daherkam. Es waren wohl nicht so sehr die Schritte des alten Mannes, die sie geweckt und zum Bellen gebracht haben, sondern vielmehr der Stock, den er mit sich führte und den er jeweils ziemlich hart auf dem Kiesweg aufschlug, als ob er damit gegen die Freizügigkeit der Jugend unter den Bäumen mit all ihren schlafenden Hunden darum herum protestieren wollte. Ich habe aber auch wiederholt beobachtet, wie eine ganze Meute von Hunden hinter einem Automobil herjagte, das offensichtlich in ihrem Revier nichts zu suchen hatte und bei dem sie dann voller Wut ihre Zähne in dessen Pneus einzugraben versuchten, während der Fahrer ein gewagtes Wendemanöver unternahm, um der Hundemeute zu entkommen. Dass diese Jagden und die dazugehörigen Wendemanöver für die Beteiligten nicht ganz ungefährlich sind, wurde mir spätestens dann bewusst, als ich unter den Hunden, die sich ziemlich schnell wieder beruhigten und zu ihren Schlafplätzen zurückkehrten, auch den einen oder anderen mit nur mehr drei Beinen entdeckte.

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Ich habe mich gefragt, wovon sich die schlafenden Hunde ernähren, denn sie sehen alles andere als heruntergekommen aus, sie haben zumeist ein schönes Fell, und als wir ihnen gelegentlich etwas zusteckten, waren sie alles andere als gierig. Ganz offensichtlich stellen ihnen die Leute in den Barrios Wasser und auch Futter hin, weil es ihre Hunde sind, mit denen sie ebenso namenlos wie diese aufgewachsen sind. Ich habe ausser den oben geschilderten Begebenheiten nie jemanden gesehen, der einen dieser Hunde aufgeweckt und von seinem Schlafplatz vertrieben hätte. Als wir uns in der Silvesternacht nach einem monumentalen Feuerwerk, das auf Schiffen im Pazifik vor Valparoiso, Vina del Mar und Concón gezündet worden war, mitten unter hunderttausenden von Menschen auf dem Heimweg befanden, hat unser Begleiter uns in eine Permanence geführt, wo es auch eine öffentliche Toilette gab. Mitten in der Eingangshalle unter all den Leuten, die auf ärztliche Versorgung warteten, lag ein grosser schwarzer Hund, den man in der dort herrschenden Stille sogar atmen hörte. Dabei ist mir aufgefallen, dass selbst das Pflegepersonal, das es eilig hatte, jeweils einen Bogen um ihn gemacht hat, um ihn nicht zu wecken.

Allerdings hat die kollektive Trauer, zu deren Sinnbild die schlafenden Hunde für mich geworden sind, eine nächtliche Kehrseite, in der dieselben Hunde für mich zur Verkörperung des unsäglichen Schmerzes und der kollektiven Wut all jener geworden sind, die durch Pinochets mörderische Konterrevolution ihre Angehörigen und Freunde verloren haben. Auch ich bin nicht bloss einmal mitten in der Nacht von einem zunächst kaum vernehmbaren und dann immer lauter werdenden Geheul dieser Hunde aus dem Schlaf geschreckt worden, die sich irgendwo in der Dunkelheit zusammengerottet hatten. Es müssen jeweils sehr viele gewesen sein, die abwechslungsweise in Gruppen in dieses Geheul einstimmten, um schliesslich im Kollektiv jenes lang andauernde Heulen hervorzubringen, das mich mit seiner Abfolge von hohen und tiefen Tonlagen an eine Sirene erinnerte. Dieses Heulen ging nicht bloss mir durch Mark und Bein. Nachdem auch in den umliegenden Häusern Lichter angingen und Leute an die Fenster traten, um diese zu schliessen, hörte das Heulen ebenso plötzlich auf, wie es begonnen hatte. Ich fand dann in solchen Nächten, die jeden meiner Träume in einen Alptraum zu verwandeln drohten, kaum mehr in meinen Schlaf zurück. Als es einmal am frühen Morgen nach einer solchen Nacht an der Tür klopfte, sprang ich auf und sagte zu meiner Gefährtin: «Jetzt kommen sie und holen uns ab.» Sie wurde darob ziemlich ungehalten und forderte mich auf, derartige Scherze fortan zu unterlassen. Natürlich war es unsere Tochter, die an die Tür geklopft hatte, um zu vermelden, das Frühstück stehe bereits auf dem Tisch und wir würden in einer halben Stunde abgeholt, um uns auf eine Tagesexkursion zu begeben.

Wenn ich mich nach diesem eigenartigen Verhalten der Hunde erkundigte, die tagsüber so friedlich schlafen und sich in der Nacht in heulende Wölfe zu verwandeln scheinen, zuckten die Leute jeweils mit den Achseln oder sagten in etwa: «Das tun sie eben, unsere Hunde», was mir in der Geschichte, die ich mir über diese Hunde als Sinnbild der Erinnerungskultur in Chile zurechtlegte, nicht besonders weiterhalf. Erst als ich einmal einen älteren Herrn, der uns den Weg zur Strasse wies, an der Pablo Neruda gelebt hatte, nach dem Grund dieses schauerlichen nächtlichen Cantos der Hunde fragte, meinte dieser lapidar: «Sie haben Angst.» Als ich ihm sagte, ich hätte überhaupt nicht den Eindruck gewonnen, dass diese Hunde vor irgendjemandem Angst hätten, sagte er: «Nicht die Hunde, die tagsüber schlafen und in der Nacht heulen, haben Angst, sondern die Bluthunde.» Damit waren ganz offensichtlich die Mörder und Folterknechte des Pinochet-Regimes gemeint, die nunmehr eine Generation später unbehelligt in den Ruhestand treten möchten, den sie nach Meinung der Leute, die am meisten unter diesem Regime gelitten haben, nie und nimmer verdient haben. Und als ich ihn fragte, wovor denn diese Bluthunde Angst hätten, gab er mir zur Antwort: Vor der Funa. «Si no hay justicia hay funa.» («Wenn es keine Gerechtigkeit gibt, gibt es die Funa.»)

Bei der Funa handelt es sich um eine Aktionsform von engagierten Bürgern, die die öffentliche Anklage von Tätern, die während der Diktatur an Menschenrechtsverletzungen nachweislich beteiligt waren, selbst in die Hand genommen haben, weil die Justiz untätig geblieben ist. Anschuldigungen werden von einer Kommission von Menschenrechtsvereinigungen sorgfältig überprüft, damit ganz sicher festgestellt werden kann, dass es sich um einen Täter handelt. Bekanntlich kommt in einem Rechtsstaat jedem Täter auch das Recht auf seine verdiente Strafe zu. Wo die Rechtsstaatlichkeit erst mühsam wiederhergestellt werden muss wie in Chile – die Revisionen der Verfassung, die die Diktatur dem Land gegeben hat, sind immer noch im Gang –, kommt die Gerechtigkeit der Strasse zum Zug, die dem Täter zu seiner verdienten Strafe verhilft. Diese besteht nicht etwa darin, dass er in einem Käfig auf einen öffentlichen Platz getragen und dort von einem wütenden Mob gelyncht wird. Sondern er wird in einer Kulturnation voller Lieder und Poesie, wie es Chile ist, mit dem Lied der Funa beglückt, das an seine persönliche Adresse gerichtet zumeist auch seinen gesellschaftlichen Exitus bedeutet: «Olé, olé / olé, ola / come a los nazis / les va a pasar / a donde vayan / los iremos funar.» («Olé, olé / olé, ola / Wie gegen die Nazis / soll es gescheh’n / wir prangern sie an / wohin sie auch gehn.»)

Boris Schöppner schreibt dazu in seinen eindrücklichen Reportagen und Interviews über das «Nachbeben: Chile zwischen Pinochet und Zukunft», so der Titel seines Buchs: «Wenn dieses Lied in irgendeiner Strasse in Santiago ertönt, meist begleitet von kräftigen Trommelschlägen, steht wohl so manchem Folterer der Angstschweiss auf der Stirn. ‹Haben sie mich jetzt entdeckt?› Vermutlich atmen sie dann tief durch, wenn die Demonstranten nicht vor ihrem Wohnhaus oder Arbeitsplatz halt machen, sondern an eine andere Adresse ziehen. Verwunderlich ist für Menschen aus Deutschland der vermeintlich positive Bezug auf die Naziverfolgung in dem Liedchen, erfreute sich doch die übergrosse Mehrheit der Täter auch nach dem Zweiten Weltkrieg absoluter Straffreiheit, machten viele stramme Nazis von einst sogar Karriere im Staatsdienst der Bundesrepublik.» (212f.) Bekanntlich sind viele dieser Nazis damals auch nach Chile ausgewandert, um sich einer Verfolgung zu entziehen.

Das Lied der Funa stammt ursprünglich aus Argentinien und bezieht sich auf den Nazijäger Simon Wiesenthal. Die Aktionsform, die mit diesem Lied inszeniert wird, wurde von den chilenischen Menschenrechtsaktivisten übernommen und an die politischen Realitäten angepasst, mit denen sie konfrontiert sind. Ausschlaggebend für die Gründung der Comisión Funa, die sich seitdem dieser Aktionsform bedient, waren die Erfahrungen mit Justiz und Politik der Concertación nach der Festnahme Pinochets in London im Jahre 1998, der sich dann trotz Zusicherung des Gegenteils nie vor einem chilenischen Gericht für seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verantworten hatte.

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Die Funa als eine direkte Aktionsform der Vergangenheitsbewältigung geht die Themen der Menschenrechtsverletzungen und der immer noch fehlenden Gerechtigkeit auf eine aktive, dynamische, kreative, durchaus fröhliche und zukunftsgerichtete Art und Weise an, die allerdings nicht darüber hinwegtäuscht, dass es dabei kein Vergeben und auch kein Vergessen gibt. In einer Funa leben die unmittelbar von den Gewaltexzessen der Diktatur Betroffenen ihre ganze Trauer, aber auch ihren ganzen Schmerz und ihre Wut noch einmal in einem Wechselbad von allen möglichen Gefühlen durch, zu denen Menschen überhaupt fähig sind, wenn sie plötzlich ihren Folterern Auge in Auge gegenüberstehen. Dass die unmittelbar Betroffenen in einer solchen Situation das Bedürfnis verspüren, auf ihre damaligen Peiniger blindlings einzuschlagen, ist verständlich. Dennoch wird jede Form der physischen Gewalttätigkeit von den jeweils 80 bis 100 AktivistInnen, die sich an einer Funa beteiligen, strikt abgelehnt.

Man kann aber nicht behaupten, dass die Funa und ihr Lied pazifistisch sind. «Ich glaube, unsere Aktion ist in gewisser Weise gewalttätig, denn wenn du bei denen zu Hause oder am Arbeitsplatz auftauchst und sagst: ‹Du bist ein Folterer, du bist ein Mörder›, und die Familie erfährt dies auf diese Weise, dann ist das Leben am Arsch.» Schöppner dazu: «Denn nicht selten legen die Nachbarn nach, sammeln Unterschriften, der Bäcker weigert sich, dem Folterer Brot zu verkaufen. Mitunter sehen sich die Geouteten genötigt, wegzuziehen. Zwei haben sich nach einer Funa das Leben genommen.» (S. 208).

Dass es sich bei dieser Aktionsform, die gewissermassen ein Psychodrama in Echtzeit darstellt, nicht um ein Spiel handelt, sondern dass es dabei immer auch um Menschenleben geht, war mir schon vor meiner Reise nach Chile bewusst. Die Rückkehr zur sogenannten politischen Normalität war und bleibt für all jene, die sich aktiv am Widerstand gegen eine der brutalsten Diktaturen der neueren Geschichte beteiligt und diese überlebt haben, ein langer und steiniger Weg. «Solange auf uns geschossen wurde, konnten wir natürlich keine Blumen verteilen», meinte einer dieser Überlebenden.

Die Hoffnung, dass die Redemokratisierung der Gesellschaft neben der Gerechtigkeit auch wieder das Recht auf Bildung für alle zurückbringt, wird vor allem durch die «Pinguine» verkörpert, wie die Schüler, die zusammen mit den Studenten für dieses Recht kämpfen, wegen ihren dunkelblau-weissen Schuluniformen im Volksmund liebevoll genannt werden. Sie haben aus dem Wahlkampfslogan, mit dem ihre Präsidentin Michelle Bachelet angetreten ist («Estoy contigo» / «Ich steh zu Dir») ihren eigenen Slogan gemacht («Michelle, estás conmigo» / «Michelle, stehst Du zu mir»), mit dem sie ihr Anliegen propagieren.

Da sich die «Pinguine» in den Schulferien befanden, mussten wir uns mit der Beobachtung einer Versammlung der realexistierenden Pinguine auf der Forschungsstation in Feuerland begnügen, auf die die Chilenen ebenfalls sehr stolz sind. Beim Umzug, den wir an einem Sonntagmorgen vom Fenster unseres Hotelzimmers mitten in Santiago beobachten konnten und der von berittener Polizei in ihren schmucken Uniformen und einer Musikkapelle angeführt wurde, handelte es sich schon von der Zahl der Teilnehmer her gesehen nicht um eine der vielen Massenprotestdemonstrationen, die das Land seit dem berühmten NO des Plebiszits, mit dem die Diktatur 1988 offiziell beendet wurde, wieder zu verzeichnen hat.

Die kleinen wendigen braunen Wasserwerfer, mit denen die Ordnungshüter bei solchen ihnen missliebigen Protestdemonstrationen die Strassen und Gassen der Hauptstadt wieder leerfegen, werden im Volksmund «Guanacos» genannt. Sie leiten ihren Namen von den realexistierenden Guanacos her, denen wir auf unseren Ausflügen in Patagonien zu Hunderten begegnet sind. Wir konnten uns vor Ort davon überzeugen, dass sie weit spucken und auch gegen den Wind, der über die Pampa fegt. Bei den «Guanacos», die unauffällig an irgendwelchen Strassenecken parkiert sind, dürfte es sich wohl kaum um Museumsstücke handeln, auch wenn sie schon viele Dienstjahre auf dem Buckel haben.

Dass neben Protestdemonstrationen auch Streiks als Mittel zur Durchsetzung von legitimen Interessen der Arbeiter und Angestellten heute nicht mehr einfach durch Repression verhindert werden können, wurde uns klar, als wir zwei Tage auf der Insel Chiloé festsassen, weil sämtliche Inlandflüge mitten in der grössten Reisezeit lahmgelegt worden waren. Wir haben es dann trotzdem noch knapp geschafft, rechtzeitig in Santiago einzutreffen, um dort mit unseren Freunden Weihnachten zu feiern. Diese Weihnachtsfeier in einem der Barrios, zu der wir eingeladen waren, stellt alles in den Schatten, was ich diesbezüglich bisher erlebt habe, und auch sie wäre eine Geschichte wert. Den Platz der Schafe, die sich traditionellerweise um die Weihnachtskrippe lagern, nahmen diesmal schlafende Hunde ein. Ich vermisse sie, die Menschen, denen ich in Chile begegnet bin, und auch meine liebgewonnenen Hunde.


Guido Hischier, geb. 1949, Dr. phil., Soziologe und Maler, Zürich.

Essays
Geschichte, Politik
25. Februar 2016

5 Comments

  1. Rudi Supersaxo

    Heiter und doch ernst – der rote Faden wohl gesponnen. Bravo. Wird er wohl weiter gesponnen… Maria meinte -interessant- Lg rudi

  2. Hischerleni

    Lass die schlafenden Hunde ruhen.
    Einige versuchen’s bis ins hohe Alter immer wieder aus NICHTS, Sinnvolles zu schaffen…
    Lass es einfach!!!

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