Armen Avanessian: Überschrift. Ethik des Wissens – Poetik der Existenz

I mention I am quitting to a friend, this after we have spent a long time bitching about the state of the university and our students. She recoils. As though I have slapped her. We can complain – that’s part of our affective duty. But to leave is unthinkable. It is unthinkable in a place that teaches thinking. Keguro Machariasi

Wie soll man sich zu diesem Buch verhalten? Man kann sich an der schönen Cover-Idee erfreuen: Die klassische Merve-Raute als Rubbellos. Schon nach einem Tag im Rucksack simuliert sie die Gebrauchsspuren, die zweifellos zum etwas infamen Ruhm der sorgfältig aufbewahrten Wegwerf-Bücher des Berliner Verlags gehören. Oder man bewundert die Chuzpe der Vordatierung auf 2015, prominent hatte das vor 114 Jahren immerhin Sigmund Freud so gemacht.

Dass ich mich als Geisteswissenschaftler verhalten muss, ist klar. Immerhin feuert Armen Avanessian in Überschrift. Ethik des Wissens – Poetik der Existenz eine volle Breitseite auf den akademischen Betrieb. Zielscheibe des Literaturwissenschaftlers sind dabei nicht so sehr Wissenschaftsministierum, Deutsche Forschungsgemeinschaft, Professor_innenschaft oder Universitätsverwaltungen, wobei auch der Chef der Freien Universität Berlin – Avanessians Dienstherr – nicht unerwähnt bleibt (Fußnote 270); gerichtet ist der Beschuss vor allem auf den akademischen Mittelbau zwischen Promotionsvorbereitung, Drittmittelanträgen und Habilitation. Es geht also um mich, um mein ständiges Gejammer über Veröffentlichungsdruck, meine Betreuer_innen und Beschäftigungsverhältnisse – ein Gejammer, aus dem laut Armen Avanessian nichts folgt, weil es a) eine Entschuldigung ist, nichts zu ändern, und damit b) schon von seiner Struktur her das Einverständnis mit der Universität, wie sie 1800 in Preußen erfunden wurde, markiert.

Überschrift stellt sich zur Hälfte als Genealogie der modernen Forschungsuniversität, genauer ihrer wissenschaftlichen Moral dar: In der historisch radikal neuen Zusammenführung von Forschung und Lehre durch die preußische Universitätsreform bildet sich ein Wissens-Typ aus, der seiner Tradition eine beständige Aktualisierung unterzieht; ein Wissen, das darum umso unerbittlicher an seine Tradition gebunden bleibt. Ihm korrespondieren „Künstler im Lernen“ (Johann Gottlieb Fichte). Diese Wissenschaftskünstler_innen, wie sie Avanessian nennt, sind aufgerufen, sich mittels Kritik selbst zu bilden. Kritik ist also genau der Modus in dem das, was schon da ist (du selbst und die Tradition, in der du stehst), expliziert wird. Der Prozess der fortlaufenden Kritik heißt dann Innovation. Paradoxerweise ist es einer so gefassten Innovation nicht möglich, Neues zu schaffen. Ihre primäre Errungenschaft ist sie selbst als Paradigma universitären Wissens. Mit jeder Kritik werden dem Kritisierten zwar neue Bereiche unterworfen, zugleich durch die Kritik das Kritisierte aber überhaupt erst in sein Recht gesetzt – für die Kunst ist dieser Prozess spätestens mit den Neoavantgarden zum bestimmenden Entwicklungsprinzip geworden. Die ständige Emphase darauf, wie politisch das eigene Forschungsthema eigentlich ist, bildet auf der Ebene der Inhalte nur die letzten Umdrehungen dieser beständigen Selbst-ins-Recht-Setzung. Sie ist daher, so die These, im Kern unpolitisch. Schon in seiner Entstehung ist dieses Universitätsmodell samt den von ihm (aus-)gebildeten Wissenschaftler_innen laut Avanessian an die wirtschaftlichen Erfordernisse der bürgerlichen Gesellschaft (und damit an die kapitalistische Produktionsweise) gekoppelt. Zentrales Mittel dafür ist die schon in ihren Gründungstexten formulierte Absage an „utilitaristische und kommerzielle Interessen“.ii So kommt die Argumentation zu ihrer Pointe: Die zunehmende Ökonomisierung der Universitäten, an der sich Kritiken auch aus der Universität selbst gerne hochziehen,iii ist gerade kein Bruch mit der Humboldt-Idee – im Gegenteil: Diese kommt im gegenwärtigen Kreativitätsdispositiv zu sich selbst. Die neoliberale Universität, schreibt Avanessian an einer Stelle, sei höchstens ein Re-Import des deutschen Exportschlagers Forschungsuniversität.

Entscheidend ist dabei, dass der Arbeitsanordnung der Forschungsuniversität nicht ihre Produktivität abgesprochen wird. Sie hat sich bloß zu Tode gesiegt. Die Forderung nach Selbstbildung und Innovation ist zum organisierenden Prinzip postindustriellen Gesellschaften geworden und wird woanders schlicht besser erledigt. Der Universität ist ihre Aufgabe verloren gegangen. Sie dient nicht mehr der Reproduktion des gesellschaftlichen Innovationspotentials, verkörpert – Ironie des romantischen Bildungsideals – in Beamt_innen und Lehrer_innen, sondern primär der Reproduktion ihrer selbst (was zum Phänomen der immer „noch kritischeren Kritik“ führt). Das leerlaufende Antragskarussell, die sich in immer schnellerer Folge ablösenden Turns, der „zwanglose Zwang“, der die Beziehung zwischen Betreuer_in und Betreuten beherrscht und fürs schlechte Gewissen sorgt, die unter Wissenschaftler_innen weitverbreiteten Neurosen und Depressionen, die in der Universität herrschende (selbst-)zerstörerische Konkurrenz und Missgunst sind Effekte ihrer Anlage und nicht Folgen ihrer Verwüstung.

Avanessian setzt dagegen eine Praxis der „spekulativen Poetik“. Sie hebt nicht auf Innovation, sondern auf Wahrheit durch „Selbsttransformation“ ab: Werde schreibend eine andere, statt werde schreibend du selbst. Auf die Moral und ihre Gesetze treffen eine Ethik und ihre Wahl. Entlang einer Diskussion der von Jacques Lacan beschriebenen postödipalen Begehrensstruktur entwirft Avanessian eine Praxis, die dem Dispositiv der Forschungsuniversität entkommt, nicht indem sie es kritisiert (und dadurch affirmiert) oder sich ihm verweigert (und es intakt lässt), sondern indem sie sich in diesem situiert und es verschiebt – er nennt das Manipulation. Aus dem Gesetz einen Fetisch machen, dies ist der vielleicht schönste Gedanke des Buches, Fetischist_in des Begehrens nach Wahrheit werden: (über-)erfülle das Gesetz, genieße diese Erfüllung, und das Gesetz zeigt seine Kontingenz. Wenn Lacan den psychoanalytischen Diskurs in der Moderne als letzten Ort entwirft, an dem eine postödipale Wahrheit und nicht nur Verdrängung oder Regress möglich ist, gerade weil in der Analyse eine Wahrheit des Subjekts zur Sprache kommt, die zuvor nicht existiert, so stellt Avanessian diesem ein an der Herstellung von Wahrheit orientiertes Modell wissenschaftlichen Arbeitens an die Seite. Inwiefern für eine solche gezielte Manipulation nicht doch Kritik notwendig ist (und damit durch die Hintertür ins Herz seines Projekts zurückschliche), who knows; unterbestimmt bleibt das Verhältnis allemal – der von Avanessian mehrfach zitierte Reza Negarestani spricht jedenfalls ebenfalls davon, dass Kritik („Evaluation“) ohne Konstruktion Kitsch wird; daraus folgt jedoch keine Konstruktion ohne Kritik. Die Kritik bewahrheitet sich als Kritik für Negarestani vielmehr in der Konstruktion neuer Normen.iv

Avanessians Fokus auf die Begehrensproduktion im universitären Forschen erlaubt es ihm, die Anrufungen zu bestimmen, denen Wissenschaftler_innen sich immer schon unterwerfen; ihre Motive zu analysieren, sich auf die Wissenschaft (in ihrer gegenwärtigen Form) einzulassen, sie, so wie sie ist, zu wollen; man könnte – wohl gegen den vehementen Einspruch des Autors, dessen Kritik am Kritikbegriff einen Großteil der ersten Hälfte des Buches füllt – auch von Ideologiekritik sprechen. Die Perspektivierung auf Wissenschaftler_innen in der (ausgedehnten) Qualifikationsphase wird außerdem dem von Avanessian stark gemachten Umstand gerecht, dass die Universität seit 1800 primär ein Ort der Reproduktion und Subjektivierung ist, der den Eigennamen „Mittelbau“ trägt und dessen Struktur und Komposition auch das in ihm produzierte Wissen bestimmt. Diesen Umstand verdecken jene für die Begehrensökonomie der Geisteswissenschaften zugleich konstitutiven Erzählungen von einer mythischen Zeit, als noch große Bücher von großen Forscher_innenpersönlichkeiten geschrieben wurden. Erzählungen, wahlweise und je nach Filiation auf das 19., die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts oder 68ff datiert, die vor dem Hintergrund der in Überschrift entwickelten Analyse zerlegt und in ihrer Funktionsweise bestimmt werden könnten, deren Kraft sich aber auch Avanessian offenkundig nicht vollständig entziehen kann, wo er unbefragt das Buch (die wissenschaftliche Monographie) als das Medium transformativer Wissenschaftspraxis setzt. Steckt in den Variationen zu Noch-mehr-Schreiben und Besserschreiben, in der Imagination missgünstiger Reaktionen, die – kursiv gesetzt – als fingierte O-Töne in den Text gewoben sind, ein autobiographischer Impuls? Vermutlich. Dann handelt es sich bei Überschrift auch um eine Selbstlegitimation der wissenschaftlichen Praxis seines Autors. Sie unterliefe zwar die ausgestellte spekulative Verachtung gegenüber jeglichen Legitimationsinstanzen, spricht aber nicht gegen, sondern für das Buch und seine Situiertheit in den realen Widersprüchen einer akademischen Existenz.

Problematisch ist, dass die gesellschaftsanalytische Perspektive, die Avanessians Genealogie der modernen Forschungsuniversität zugrunde liegt, im zweiten Teil des Buches abhandenkommt. Stattdessen zielt die Darstellung ausschließlich auf die Praxis der einzelnen Forscher_in, selbst dort, wo es um gemeinsames (aber nicht kollektives) Schreiben geht. So aufregend der (selbst-)transformative Entwurf von Wahrheit in der Wissenschaft – nach dem Schreiben werden ich, die Welt und das Geschriebene andere sein – im Vergleich zum beständigen Schielen auf die eigene Publikationsliste, die mit denen der anderen eh nie konkurrieren kann, ist. Es spricht wenig dagegen, dass aus dem romantischen Imperativ „werde du selbst!“ schon längst ein schlichteres aber umso brutaleres „werde!“ geworden ist. Diesem Imperativ weiß Avanessians Darstellung nichts entgegensetzen, weil sie ihn nicht befragt. Ich stelle daher neben dem „wie“, zu dem Überschrift einiges sagt, vier weitere Fragen: Warum überhaupt forschen? Wozu? Warum ich? Und wer hat ein Interesse daran? Viel trennt Avanessians Aussagen zum Schreiben, so rabiat isoliert, jedenfalls nicht mehr von der gängigen Ansicht, dass zur Entstehung eines guten Buches (nur, was soll das sein? s.o.) nicht mehr nötig ist als ein Schreibtisch und Ruhe – obwohl sich Avanessian doch gleich mit dem allerersten Satz seines eigenen Buches gegen die Idealisierung einer solchen (historisch in jedem Fall fragwürdigen) Schreibsituation wendet. Unangenehm fällt die Verengung des Blicks in manchen Halbsätzen auf, etwa dort, wo sie nahelegen, Akademikerinnen führten ihre Kinder als Entschuldigung fürs eigene akademische Scheitern an. Bezeichnenderweise ist diese Passage im generischen Maskulinum gehalten. Weil eine Einordnung in den sexistischen Normalzustand, dem selbstverständlich auch Akademikerinnen unterliegen, und der Verweis auf die entsprechenden Akademiker als Nutznießer dieses Zustandes fehlt, hat die Aussage einen Zug ins Ressentiment, dem sich eine Genealogie der Moral verweigern muss.

Es fällt auf, dass Avanessian zwar die Linkenkritik der von ihm im Merve Verlag herausgegeben philosophischen Strömung des Akzelerationsmus übernimmt (das sind: der Fetisch der Kritik selbst, die damit einhergehende konservative Tendenz zur Besitzstandswahrung, eine sozialdemokratische Nostalgie nach der „guten alten Zeit“), aber die neoleninistischen Begriffe, die sie zu re-etablieren sucht – Planung, Aneignung, Affirmation und Übernahme technologischer Entwicklungen sowie Organisierung – nicht fallen.v Digital Humanities, Open Access, Big Data als auf neue Technologien bezogene Aspekte geisteswissenschaftlicher Forschungsprogramme der Gegenwart, sind weder Gegenstand der vorgelegten Analyse geisteswissenschaftlicher Moral noch Elemente des Entwurfs einer Ethik des Schreibens. Das ist wiederum ganz nach hergebrachter Art der Geisteswissenschaften, in der zwar, dem Innovationsdruck geschuldet, Begriffs-, Theorie- und Methodenmoden eine wichtige Rolle im Wettbewerb um Fördergelder spielen, bei Fragen nach der gesellschaftlichen Relevanz aber der Verweis auf Bildungsideal und die dafür nötige Autonomie des Forschens genügen sollen. Avanessians Ethik des Schreibens bleibt einem Bild von Geisteswissenschaften verhaftet, das er einer Genealogie und Manipulation hatte unterziehen wollen, – und deren eigene Historizität so aus dem Blick gerät. Eine akzelerationistische, spekulativ-konstruktivistische, kollektive und solidarische Antwort bleibt Überschrift schuldig.

Wie soll man sich zu diesem Buch verhalten? Auf jeden Fall den 316 tollen Fußnoten und Verweisen nachgehen. Das gemeinsame Schreiben unter der Maxime „Ich weiß, dass du es wissen musst“, das eindringlich am Beispiel der gemeinsamen Arbeit mit Anke Henning thematisiert wird, ausprobieren. Der eigenen Nostalgie an den knalligen Sätzen eine Abreibung verpassen. Sich über das Rubbellose-Cover freuen.


Armen Avanessian: Überschrift. Ethik des Wissens – Poetik der Existenz, Berlin 2015.


[i] Zitiert nach: Keguro Macharia: On Quitting. The New Inquiry 2013. In seinem Essay entwickelt Macharia aus der Reflexion auf die eigene Subjektivierung im akademischen Betrieb und die in ihr produzierten psychischen Störungen eine Perspektive auf den US-amerikanischen Universitätsbetrieb als (auch) postkoloniale Situation. Eine solche Perspektive wird zwar von Avanessian in seiner „Genealogie“ der Forschungsuniversität ebenfalls (mit Bezug auf die Arbeiten von Therese Kaufmann) antizipiert und gegen die Verklärung der Humboldt-Universität gewendet, fehlt aber, wie auch die oben diskutierte Frage nach der Rolle von Vergeschlechtlichung und Geschlechterhierachien, weitgehend in den Erwägungen zur Ethik des Schreibens.

[ii] Armen Avanessian: Überschrift. Ethik des Wissens – Poetik der Existenz, Berlin 2015, S. 57.

[iii] Eine umfassende Analyse und Kritik der Universität nach den Bologna-Reformen, sowie deren Historisierung, hat in den letzten Jahren auch im deutschsprachigen Raum zugenommen. So veröffentlichte Diaphanes seit 2010 drei Bücher des Herausgeber_innenkollektivs Unbedingte Universität: Was ist die Universität? sowie Was passiert?, beide Zürich 2010 sowie Bologna-Bestiarium, Zürich 2013. Avanessian verweist in seinem Buch zudem auf zahlreiche Publikationen aus dem englischsprachigen Raum, die seit der letzten Welle an Studierendenprotesten (besonders 2010) entstanden sind.

[iv] Reza Negarestani: The Labour of the Inhuman, Part I: Human, e-flux 2014.

[v] Nick Srnicek, Alex Williams: #Accelerate. Manifest für eine akzelerationistische Politik. In: Armen Avanessian [Hrsg.]: #Akzeleration. Berlin 2013, S. 21-39. Siehe für die englische Fassung auch: Dies.: #Accelerate. Manifesto for an Accelerationist Politics, 14.5.2013.


Morten Paul, Doktorand im Suhrkamp-Forschungskolleg / Wissenschaftlicher Angestellter, Universität Konstanz.

Rezensionen
Kultur, Philosophie
16. Januar 2015

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