Er war nicht zum Spaß da

Ein Jahr war er nun im Gefängnis. Es war ein Jahr zu viel. Deniz Yücel, seit 2015 Türkei-Korrespondent der Welt, davor Redakteur der taz und langjähriger Herausgeber der Wochenzeitung Jungle World. Dem Journalisten wird von der türkischen Justiz «Terrorpropaganda und Volksverhetzung» vorgeworfen. Als Beweise für die Anschuldigungen dienen zwei Beiträge für die Welt: ein Interview mit dem Vizechef der PKK sowie eine Geschichte über den Machtausbau des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan.

Diese und weitere Texte finden sich in der jüngst im Nautilus-Verlag erschienen Flugschrift «Wir sind ja nicht zum Spaß hier. Reportagen, Satiren und andere Gebrauchstexte». In mühevoller Kommunikation über Yücels Anwälte und kuratiert von der Journalistin Doris Akrap versammelt das Buch eine Auswahl von Texten, die er in den vergangenen 13 Jahren für die Jungle World, die taz und die Welt geschrieben hat. Herausgekommen ist ein ebenso kluges wie unterhaltsames und in jeder Hinsicht abwechslungsreiches Buch. Die thematische Breite reicht von seinen Selbstreflexionen als Journalist («Man kann als Journalist nach Herzenslust scheißefinden und besserwissen»), über Erfahrungen als Kind türkischer Eltern im hessischen Flörsheim am Main («Mathe für Ausländer») bis hin zu den Reportagen über die Türkei («Ein irres Land»).

Preiswürdige Texte
Für seine Arbeit wurde Yücel 2011 mit dem Kurt-Tucholsky- und 2017 mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. Die versammelten Texte begründen dies ohne Zweifel. Sie sind großartige Arbeit. Sowohl inhaltlich als auch handwerklich zeigen sie die journalistischen Qualitäten Yücels. Oder wie es Doris Akrap in ihrem Vorwort richtig zusammenfasst: «In anderen Ländern kriegt man für solche Texte Journalistenpreise. In der aktuellen Türkei kriegt man dafür Knast.»

In diesem Knast, dem Hochsicherheitsgefängnis Silivri Nr. 9 hat Yücel weitere Texte verfasst, die in diesem Band erstmalig veröffentlicht wurden. Hier kritisiert er auch klar und deutlich Aktionen der PKK und macht damit noch einmal deutlich, wie absurd und haltlos die gegen ihn gerichteten Vorwürfe sind.

Zu Beginn seiner Haftzeit wurden ihm Stift und Papier verweigert. Yücel schrieb mit einer abgebrochenen Plastikgabel als Feder und der Soße der Essenskonserven als Tinte und schmuggelt seine Aufzeichnungen mit der dreckigen Wäsche aus seiner 4,18 mal 3,10 Meter großen Zelle. Die Texte aus dem Gefängnis sind rührend ohne rührselig zu sein und zeigen eindrucksvoll sowohl den Knast-Alltag als auch Yücels Humor und seinen Willen nach Freiheit. Dieser erschöpft sich aber nicht in Opportunismus. Dafür ist er ein zu guter Journalist. Ungebrochen sagt er weiterhin, was er denkt.

«In die Zeitung von heute wird morgen Fisch eingewickelt»
Doch nicht nur seine Texte über die Türkei finden sich im aktuellen Buch. Ebenso finden sich weitere Reportagen, Satiren, Polemiken, Kommentare, Glossen und andere «Gebrauchstexte aus dem Handgemenge». Ohne Zweifel sind die Artikel genau dies: Gebrauchstexte. Wie Yücel selbst schreibt: man solle sich auf journalistischen Erfolg wenig einbilden, denn «in die Zeitung von heute wird morgen Fisch eingewickelt». Doch seine Texte entfalten auch für gegenwärtige Diskussionen ihre Aktualität. Für immer ein journalistischer Hochgenuss wird seine Kolumne «Super, Deutschland schafft sich ab», die er 2011 in der taz veröffentlichte, bleiben. An ihr bekommen auch heute noch Nationalist_innen aller Couleur Schaum vor dem Mund.

Doch auch sein Text «Liebe N-Wörter, ihr habt `nen Knall» über eine von Yücel moderierte Veranstaltung beim taz-Kongress 2014 gewinnt in Anbetracht der Debatten um das Gomringer-Gedicht an der ASH Berlin neue Aktualität. Damals wurde die Veranstaltung von Protestierenden gestört, weil Yücel einer Rede von Martin Luther King zitieren wollte und die deutsche Übersetzung von Luthers «Negro» wörtlich nahm. In seinem Text geht Yücel hart mit den antirassistischen Protestierenden ins Gericht. Er ist dabei durchaus polemisch, aber auch selbstreflexiv. Auch in der Debatte um die Entfernung des Gedichts an der ASH könnte man ihn sich als bissigen Kommentatoren vorstellen. Und auch wenn er wohl der Entfernung des Gedichts nicht zustimmen würde, würde er einer Debatte etwas hinzufügen, was viel zu selten geworden ist: Journalismus, der gutes Handwerk und eine klare Haltung vereint.

Dass Yücel genau dies verbindet, ist ihm in der Türkei Erdoğans zum Verhängnis geworden. In der derzeitigen Türkei reicht es schon aus, um ins Gefängnis gesteckt zu werden. Ziel ist es, Yücel und alle anderen inhaftierten Journalist_innen ihrer Sprache zu berauben und sie zum Schweigen zu bringen. Die Herausgabe des Buches ist ein bescheidener aber wichtiger Versuch, dies zu verhindern.

Der Fall Deniz Yücel scheint mit seiner Freilassung eine positive Wendung genommen zu haben, doch sitzen in der Türkei noch weitere 150 Journalist_innen im Gefängnis. Ob Yücel nun durch diplomatische Bemühungen des deutschen Außenministers Sigmar Gabriel mit seinem Amtskollegen und «Freund» Mevlüt Çavuşoğlu oder doch durch einen politischen Deal freigekommen ist, ist hierfür zweitrangig. Das Problem liegt tiefer und so kann man der Türkei und insbesondere den inhaftierten Journalist_innen und Oppositionellen nur wünschen, was bereits 2013 im Gezi-Park in Istanbul als Graffiti an einer Wand stand: «Geh Bügeln Tayyip».


Christopher Wimmer, geb. 1989, studierte Soziologie, Politikwissenschaften und Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin und an der Universität Wien. Seine wissenschaftlichen Interessen gelten dem Marxismus, der Sozialstrukturanalyse und der Arbeitssoziologie. Derzeit ist er als freier Autor u. a. für die Jungle World und das Neue Deutschland tätig.

Rezensionen
Politik
18. Februar 2018

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